Sonntag, 12. August 2007

neulich bei Ihr - Otherside Remix

„Ist das alles was das Leben fragt? Kommst du mit in den Alltag?“ Jochen Distelmeyer

„Sag ruhig, dass du hier nicht mehr leben kannst, das habe ich schon öfter gehört und da du vor Jahren gegangen bist, ist es nicht so, dass mich das noch stört.

Die Frage ist nur, was du reden sollst, wenn der Nostalgiequatsch nichts mehr bringt und du merkst, dass der Klang deiner Stimme mir keine Liebeslieder mehr singt“ Sven Regener

“How does it fell like to let forever be?” Liam Gallagher

Es regnet und er hätte schon längst hier sein sollen. Er war früher immer pünktlich. Na ja, er hatte ja auch immer genügend Zeit zum pünktlich sein. Bei dem Regen darf er sich nicht beschweren, dass ich ihn nicht vom Bahnhof abhole. Jetzt kommt er mit dem Taxi. Außerdem umziehen, jetzt raus aus den gemütlichen „Sonntagssachen“ etwas für draußen anziehen und dann, wenn er hier ist, wieder rein in die bequeme Klamotte. Nee.

Huch. Die Klingel erschreckt mich immer noch, obwohl ich jetzt über ein Jahr hier wohne. Ich bekomme einfach zuwenig Besuch.

- [Knister]…Hallo

Ich öffne ihm die Tür, schnell rein bei diesem shitty Wetter. Heute ist drinnen das bessere draußen. Flink ins Bad und schauen welche meiner beiden Schokoladenseiten heute die schokoladigere ist und die Haare, die verdammt aufsässigen Haare! Ich lasse die Tür auf, das verschafft mir ein paar Sekunden.

- Hey Hey Hey, ich bin einwenig spät, die Bahn halt.

Ich umarme ihn. Ich weiß, dass ihn das verunsichert, egal, ich mag diese Gesten der Freundschaft. Am liebsten noch Küsschen links, rechts, links, wie die Franzosen. Aber ich will keine falschen Signale aussenden.

- Ieehh, nass

- ja, trotz Taxi. Ich habe mich schon wieder auf den Beifahrersitz gesetzt, dabei nehme ich mir jedes Mal vor, wie die Amerikaner, hinten einzusteigen.

Macht er mir jetzt Vorwürfe? dass ich ihn nicht abgeholt habe? Er sagt nie gerade heraus was er denkt oder fühlt. Immer in Rätseln, ich komme da nie hinter was er meint, was er mir mit solchen Sätzen sagen will. Mehr als eine Bedeutung hat es auf jeden Fall. Da bin ich mir sicher. Er steckt voller Überraschungen oder eher Neurosen. Das macht einen ganz Bekloppt.

Wir gehen ins Wohnzimmer. Es läuft die Oliver Geissen Show, irgendeine Erna ist schwanger von irgendeinem Gringo. Ich lege mich aufs Sofa. Früher haben wir immer total gerne zusammen Fern gesehen. Ich finde es wichtig, dass beim Fernsehen geredet werden darf. Nein, sogar geredet werden muss. Wir haben viel gelacht bei Arabella, Ricky, Peter Imhof und wie sie alle hießen. Darauf könnte ich den gesamten Abend: liegen, erzählen, vergleichen, wohlfühlen.

- Ich schaue mir mal deine Wohnung an.

Er steht bereits in der Küche als er das sagt. Alles sauber Junge, hier findest du nichts was auf eine schlechte Hausfrau schließen lässt. Bei Room Raiders würde ich wahrscheinlich immer gewinnen. Die Amis sind aber auch zu dämlich. Beim Umzug war er nicht dabei. Er sagte, das sei Scheiße oder so ähnlich…

- Was haste denn gedacht könnte man heute unternehmen?

- Gegenseitiges betrunken machen!

Kommt es aus dem Badezimmer. Gegenseitiges betrunken machen, die Zeiten sind vorbei. Dann lieber jeder für sich. Und warum hat er dann bitte keinen Sechserträger Beck´s Lemon mitgebracht? Ich habe ihm doch extra eine SMS geschickt. Er schaut nie auf sein Handy, er hat das Ding nur um mitten in der Nacht anzurufen und mir ins Ohr zu schreien: Sie spielen gerade „Round Are Way“ von Oasis. Das war mal lustig und unser Lied. Jetzt sucht er wahrscheinlich nach dem Selbigen. Er hat mir mal die Wonderwall Single geschenkt. Die hat mittlerweile aber mein Ex-Boxfriend.

- Wenn du Musik suchst, die ist im Auto.

Die gesamte Musik habe ich entsorgen müssen, alles erinnerte an den Ex. Okey, insgesamt waren es fünf CDs. Dennoch konsequent alles.

-Ich dachte du hättest dein Auto verkauft und bist auf Rad umgesattelt? Ich habe eines im Flur stehen sehen.

- Wollte ich ja auch, aber dann irgendwie doch nicht. Das Rad gehört dem Arschlochnachbarn, dem Spannerarsch.

Oder wie ich ihn liebevoll nenne: der Ex, der Arsch. Der soll ruhig sehen, dass ich Männerbesuch habe und endlich mal Farbe annehmen. Vor Neid.

Oh, er hat mein Regal mit den Zauberblumen entdeckt. Gibt es etwas Cooleres?

Er schaut sich aber auch alles zu genau an. Meine Bilder von mir und Fury, dem super Hengst, das sind doch keine Aktaufnahmen! und für Delphinposter bin ich nun wirklich zu alt. Nichts zum gaffen dabei.

- Das sind Pferdi und ich.

Das Foto hat er doch selber gemacht, er war ständig dabei als ich reiten war. Kein Turnier verpasst und sich sogar die Mühe gemacht die schweren Begriffe zu lernen. Dafür habe ich beim Fußball schauen nicht mehr ständig ABSEITS! gebrüllt. Kompromisse, so funktionieren gute Beziehungen. Unsere Beziehung war im Grunde toll. So schön wie die Streicher am Ende von Blumfelds „Tausend Tränen tief“ und auch genau so kurz. Es regnet immer noch. Ein bisschen England. Das gute an der Stadt ist ja: das Kabelfernsehen. Keine Störungen mehr im Empfang, weil der Regen die Satellitenschüssel nervt.

- Hatte deine Mutter keine Angst vor Einbrechern? wenn du in das Erdgeschoß ziehst, meine ich.

- Nö.

Hallo? Was soll das denn jetzt wieder? Ich bin doch schon groß. Außerdem habe ich im Moment mehr Angst vor Radfahrern.

Ich klopfe auf den Platz neben meinen Füßen. Er setzt sich sogar. Ein Kumpelfreund, der von alleine begreift, dass er jetzt eigentlich auch meine Füße massieren könnte… das wäre doch mal was. Aber er rezitiert lieber den Fußmassagedialog aus Pulp Fiction als selber aktiv zu werden.

Dieses scheißcoole Gelaber ist nichts für den Alltag.

- Lass uns ins Acer gehen! Vorher kaufen wir ein und schauen DVD.

Wie mache ich ihm klar, dass ich überhaupt keine Lust habe, irgendetwas zu unternehmen? Ich war gestern bereits weg und wenn ich ehrlich bin, mit fünfundzwanzig gewinnst du nach einer durchzechten Nacht keinen Blumentopf mehr oder den zweiten Platz beim Schönheitswettbewerb. Außer vielleicht Paris Hilton, die läuft gerade bei Pro 7 perfekt gestylt über einen roten Teppich und wackelt mit dem Hintern… ach so, antworten!

- Ich habe keine DVDs.

Seinem Gesichtsausdruck nach, würde ich sagen, das war die falsche Antwort. Ich mag es eben nicht, wenn man mich so unter Druck setzt. Ich möchte eigentlich nur mit ihm meine schwere Zeit verbringen und an bessere Tage erinnert werden. Er sagte mal, dass er das ganze Nostalgie Gefasel nicht abkann. Ich dagegen würde liebend gerne über Früher reden. War doch nicht alles schlecht, es war vielmehr alles gut damals. Leider ist er der einzige Draht zu den alten Freunden. Was die wohl machen? Eigentlich weiß ich es ja, aber sich darüber zu unterhalten, ist wie zehn Friseurbesuche hintereinander.

- Was hast du die letzte Zeit getrieben?

Endlich mal.

- Ich war gestern mit Rene, der übrigens nebenan wohnt, so haben wir uns auch kennen gelernt, er war nämlich beim Umzug dabei, okey, Kunststück, er wohnt ja auch, wie schon gesagt, nebenan und wir waren gestern in so einem Laden, wie hieß der noch? Weiß nicht mehr, warum sollte ich auch vor der Tür des Ladens nach oben schauen? Und Stempel sind ja wie du weißt, das aller Letzte, nächsten Morgen haste den Scheiß im Gesicht und an den Beinen gedruckt, auch egal, der Laden war eh Mist, die Musik ist mir ja Wurst, Hauptsache was zum tanzen, aber er stand nur an der Bar und hat sich dieses eklige Whiskey Zeugs reingestellt, tanzen wollte der gar nicht, er sagte dann immer: wer tanzt hat kein Geld zum saufen, das musste dir mal vorstellen, diesen abgedroschenen T-Shirt Spruch…

- also ich hätte das nicht gemacht.

- Ja, ich weiß, wenn wir was konnten, dann war das jawohl mal tanzen, nur hat dieses Whiskey Zeugs bei ihm eine ganz andere Wirkung als bei richtigen Männern, der war schon bald so schnell knülle, dass er angefangen hat eine andere mit mir zu verwechseln! da habe ich mir gedacht: Mädchen, das Spiel beherrschst du auch…

- ja, sehe ich genauso.

- Ich gehe also zu irgend so einem hergelaufenen Typen mit Chucks und langen, zurecht gegelten Haaren, also wenn, dann soll er sich auch richtig ärgern, übertrumpft von einem Spacken, aber ich glaube Rene hat die andere gar nicht verwechselt, plötzlich geht er nämlich mit der tanzen, ich greife mir Perücke und wirbele ihn auf das Parkett…

- also ich hätte das nicht gemacht.

- Gleiches mit Gleichem vergelten, so steht es doch auch in der Bibel, na ja, das Ende vom Lied ist, dass ich Rene dann beherzt ein Glas an die Rübe geworfen habe und ihm so, in bester Völkerballmanier, klar gemacht habe: Junge, du bist raus, du kannst zwar noch vom Spielfeldrand zuschauen, aber mitspielen ist nicht mehr… hat er auch gleich begriffen und jetzt habe ich einen Ex, mit einem weißen Turban um den Kopf gewickelt, nebenan wohnen, da hätte ich auch gleich auf dem Dorf bleiben können.

- Wollen wir etwas essen gehen und dann ins Nachtleben?

Nicht schon wieder, es tat gerade so gut… was antworten? An die Brigitte denken…

- Mal sehen, ob ich was zum anziehen habe.

Er greift zu seinem Handy. Ruft er jetzt jemanden an, der mich überreden soll? Ich kann ja mal bei den anderen anrufen, was die so machen. Schließlich wollte ich ja gestern Nacht noch unbedingt, dass er vorbeischaut, da hat man als Kerl natürlich gewisse Erwartungen. Er hat sich überhaupt nicht verändert. Wir haben beide die Handys in der Hand, so wie früher die Personalausweise. Die anderen bleiben alle zu Hause, es regnet, war das Killerargument.

- Es ist doch nun wirklich scheißegal, ob wir nass werden. Wir schauen die Simpsons und trinken meinetwegen dieses Beck´s Light Bier und vielleicht hat es bis dahin sogar aufgehört zu regnen.

Gedankenlesen jetzt auch noch.

- Ich finde die Simpsons doof.

Eigentlich finde ich sie erst seitdem doof, seit diese furchtbare Anke Engelke die Stimme von Marge geworden ist. Dieses Gekrächze halte ich nicht aus. Das einzige was ihn bei Laune hält und nichts mit anfassen zutun hat, sind Musik, Buch, Film oder Fußball… ich kann ihm ja mal die Abseitsfalle erklären. Das freut doch jeden Mann. Nur leider interessiert mich das alles kein Stück. Hallo! Hier spielt das echte Leben und da wird scheinbar viel geraucht. Die Schachtel ist leer. Eine Schachtel am Tag… normal! Aber auch für ein 1 Meter 60 großes Mädchen vom Land? An Blumen rieche ich eh nie wieder… also was?

Er ergreift schließlich die Initiative und schlägt vor, mir neue Zigaretten und „Beck´s Müll“ zuholen, während ich mich aufbitchen soll. Keine Fußmassage aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung…

Hoffentlich hört es nicht auf zu regnen.

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