Donnerstag, 19. August 2010

The Prime Time of your Life

“Now, live it, the prime time of your life” Daft Punk

Wie gefällt euch die neue Ergo Werbung? Im ersten Spot geht ein Mitzwanzigjähriger durch die Stadt, bestimmt Berlin oder Köln, kenne mich da nicht aus, in Lederjacke, hinterlässt einen ziemlich dummen Eindruck wie er so versucht die richtigen Worte für seine prekäre Situation zu finden. Am Ende des Spots, wenn er in seinen zur Jacke passenden Ledersessel sitzt und Nora Jones aufdreht, denkt man: hoffentlich hast du Dödel wenigstens verstanden wie deine Bank arbeitet. Der zweite Spot zeigt eine junge Dame, auf der Homepage als schön bezeichnet, wie sie über ihre Kindheitserinnerungen sinniert. Die denkt über die grauen Männer aus Momo nach, wie diese ihre Zeit rauben wollen, aber dank ihrer humanen Versicherung kann sie wieder lächelnd einschlafen. Das alles erklärt sie uns auf einem Dach sitzend, bestimmt das Dach eines Lofts. Ihr Loft.

EDIT: Der Spot ist an die Buchverfilmung von Nick Hornbys High Fidelity angelehnt. Erfuhr ich im Männerblog.

Klar, hier wird wieder mal völlig übertrieben wie beim Guten Morgen Frühstückskaffee, aber nehmen wir mal an es ist wirklich so wie mein damaliger Religionslehrer es mir weismachen wollte und die Werbung trifft sehr genau die Wünsche und Bedürfnisse der Zielgruppe, dann sind wir doch alle ziemlich am Arsch.

Ich bin 27 und habe überhaupt nicht das Bedürfnis in irgendeiner Metropole auf einem Hausdach zu sitzen und mein Exportbier in die Abendsonne zu halten, noch würde ich posieren, wenn jemand ein Foto davon macht. Ich kenne meine Schokoladenseite nicht. Freunde im Ausland oder besser Ausländer als Freunde, habe ich kaum und die wenigen waren schon immer da und wurden nicht von mir auf Partys herbeigequatscht und aufgrund ihrer Herkunft in den Freundesstatus erhoben. Mir liegt nichts daran Einladungen, die online eingehen, spektakulär auszuschlagen, weil ich gerade in Riga, London oder Paris bin oder ausgerechnet dann die Weltmeisterschaften in Salsa oder Capoeira stattfinden. Ich versuche erst gar nicht meinen Job als interessant, schöpferisch oder als Sprungbrett zu einem interessanten, schöpferischen Beruf zu betiteln. Meine Hobbys sind allesamt ordinär und typisch. Nichts zum abschalten dabei. Ich halte den V-Ausschnitt für die Rache der Schwulen. Ich möchte nicht, dass irgendjemand weiss, dass ich auf Knopfdruck originell sein kann. Ich bin nichts am planen dran. Ich habe keine Angst etwas zu verpassen. Ich lehne mich in Bibliotheken nicht an die Wand, wenn noch Stühle frei sind. Starbucks ist und bleibt für mich Dirk Benedict. Ich versuche nicht auf Partys zukommen, ich gehe hin oder eben nicht. Mein Geschmack hat kein Verfallsdatum. Nostalgie ist in meinen Augen Quatsch. Ich sage nein und ja und nicht mal sehen. Ich kann über mich selbst lachen, gerade dann, wenn ich es nicht als großes Charakter-Plus verkaufen kann. Ich fliege nicht gerne. Sonnenbrillen lösen bei mir nichts aus. Ich könnte nicht einen Trend nennen, nur auf der Straße laut mitzählen. Jeans und T-Shirt reichen vollkommen aus. Ich halte Kaffeetrinken für eine Geste. Ich sage Niemanden, dass ich Arte schaue. Ich koche miserabel, trotz Maggie. Ich bin rasend uninteressant und kenne auch keinen interessanteren. Ich muss immer andere übertreffen und kenne einen, der ist in der Hinsicht noch viel schlimmer.

Kommentare:

  1. Gut dass ich erst hier gelesen habe, bevor ich die Spots schauen konnte. Ich lasse es sein, deine Beschreibung ist gut genug. Und was dann folgte auch.
    Ich glaube die Werbung trifft ihre Zielgruppe. Aber die ist nicht in der Werbung dargestellt. Sind wohl eher die Leute, die nicht wissen was ein Loft ist, geschweige denn was es für einen Artikel hat. Vielleicht ist es auch nicht die Ziel-Gruppe, sondern die einzige, die sich Werbung anschaut.
    Wie auch immer, ich habe schon ne Versicherung. Das muss reichen.

    AntwortenLöschen
  2. In der Werbung wird gezeigt, wie man gerne wäre. Das ist ja das traurige daran. Dr. Lieschen Müller für alle.

    AntwortenLöschen
  3. Meh. Ich hab die Werbung einmal gesehen und war begeistert. Also, soweit man von Versicherungs-Werbung eben begeistert sein kann. Das mag man aber durchaus meiner jugendlichen Naivität zuschreiben. Ok, was soll's, der Typ ist toll! Der mag jünger sein als ich und hat ne riesige Super-Bude in Berlin, nen coolen Ledersessel und eben nicht Jura studiert.

    Nach Deinem Text hab ich's mir noch mal angeschaut. Ok! Er mag nicht der Hellste unter der Sonne sein, hat ja auch nicht Jura studiert :P und sieht sich nicht in der Lage, sich ein- bis zweimalig im Leben mit Versicherungskauderwelsch (1 Wort) auseinanderzusetzen. Wie finanziert er diese Wohnung?

    Und Norah Jones find ich zum Kotzen.

    Mein Kommentar könnte noch viel länger sein und Dein Text ist wie immer toll.

    AntwortenLöschen
  4. bei der werbung krieg ich so einen hals. aber das schlimmste ist das nicht vorhandene schauspieltalent des typen. und ich kann euch auch sagen, wie solche leute sich so eine wohnung finanzieren - der junge ist teil der dt. c-pro7schauspielprominenz ;) was a)das schauspieltalent und b) norah jones erklärt. das 2.schlimmste ist übrigens das anbiedern à la "hier spricht jemand, der ist wie ihr, der hat auch keine zeit/lust, sich die formulare durchzulesen, denn sein/euer leben ist so wahnsinnig fancy, da flaniert man lieber durch berlin, richtung prenzlauerbergloft um ganz gepflegt im ledersessel zu weichspülchilloutmusik zu chillen!" andere nichtjuristen schaffens auch, sich zu versichern.. ieh bah. wer sich davon angesprochen fühlt, na gute nacht.

    AntwortenLöschen
  5. Wie sollte man denn eine Werbung für ne Versicherung machen, damit sie uns anspricht?

    Herr Kaiser?

    AntwortenLöschen
  6. weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht. ich würde so oder so wahrscheinlich von keiner werbung dermaßen überzeugt werden, dass ich daraufhin direkt wechsle. die besten sachen brauchen keine werbung ;) sollen die loftyuppies doch machen, mir wurscht, alle zielgruppen kann man sowieso nie aufeinmal erreichen. außerdem wette ich, dass die ergo-verträge genauso beamtenkauderwelschig sind wie alle anderen auch und die versicherer werden da auch nicht in regenbogenfarbenen anzügen rumrennen.

    AntwortenLöschen
  7. Ich bin ja immer versucht jeden Kommentar gewissenhaft zu beantworten und gerne würde ich euch gleich die ganze Welt erklären, aber sorry, bin total besoffen Leute.

    AntwortenLöschen