Donnerstag, 13. Januar 2011

We will Rocko

"Jung und nutzlos, das ergibt einen gewissen Sinn." Rocko Schamoni

Wecker, Wecker, Wecker, Aufstehen, Arbeiten. Das Beste am Tag sollte erst noch kommen. Auf der Arbeit dreht es sich fast ausschließlich um Ausstiegschancen, Zukunftsplanung und Lebensmodelle. Wie so oft in den letzten Wochen. Meine Arbeitskollegin erzählt mir, dass die Fachhochschule Bremen den NC für das Master Studium im Bereich Bauingenieurswesen aufgehoben hat. Es herrsche nicht genügend Nachfrage. Eine weitere Option für meine Liste. Total überflüssig und so gar nichts für mich, leider aber auch eine sehr offensichtliche und geographisch viel zu naheliegende Zukunftsalternative. Wo ich gehe, ist der Weg des geringsten Widerstandes. Damit soll Schluss sein.

Nach der Maloche treibe ich mich die restlichen zwei Stunden bis zur Lesung des Hamburger Jung Rocko Schamoni in der Stadt herum. Mir kommt spontan die Idee Bier und Zigaretten zu kaufen. Mich eingrooven, wie niemand mehr sagen würde. Weil ich mit der freien Sitzplatzwahl schon einmal böse auf die Fresse gefallen bin, ich wollte nicht wieder derjenige sein, der den Fluchtweg versperrt, betrete ich den Schlachthof eine Halbestunde vor offiziellem Lesungsbeginn. Bereits jetzt sind kaum noch Sitzgelegenheiten vorhanden. Ich setze mich an den Rand der vierten Reihe, fast in den Gang. Neben mir sind zwar noch locker vier Plätze frei, aber am anderen Ende sitzt ein attraktives Mädchen oder Frau, wo da die genaue Grenze liegt, weiß ich nie richtig einzuschätzen, und der möchte ich mich halt nicht aufdrängen. Sie ist offensichtlich alleine hier. Mit meinem Rucksack markiere ich meinen Platz und gehe Bier holen. Als ich mich wieder setzen möchte, diskutiert gerade eine Gruppe Frauen, und dieses Mal handelt es sich sicher um Frauen, ob sie die scheinbar freien Plätze einnehmen dürften. Ich nehme meinen Rucksack und setze mich doch neben die Schönheit mit dem Pagenschnitt. Jetzt hatte ich ja einen Vorwand, falls mir ein böser Blick zugeworfen wird.
„Geht’s? ja? gut.“

Schamoni liest aus seinem Roman „Tag der geschlossenen Tür“. Noch nie habe ich erlebt, dass sich ein Autor so sehr über seinen eigenen Scheiß freuen kann. Dabei war sein ansteckendes Lachen gar nicht nötig. Das Buch ist ein reines Gagfeuerwerk. Bei Schamonis, wie bei Strunks Büchern denke ich jedes Mal, damn it, das Buch wollte ich eigentlich schreiben. Aber so rum ist es auch okey.

Das Mädchen neben mir hat ein tolles Lachen. So was wertet für mich die Person und damit den Abend direkt auf. Das Lachen ist das wichtigste an einer Frau. Das ganze andere Gedöns, um das immer so ein Riesenbuhei gemacht wird, ist dagegen Nebensächlich. Unterm Strich muss es halt stimmen. Kontrollfrage: möchte ich mit ihr im Fahrstuhl stecken bleiben? Ja. Es kommt sogar noch besser, sie lacht an den richtigen Stellen. Den geringen Slapstick Inhalt, eine Oma haut mit ihrer Handtasche einem Kind auf den Kopf, registriert sie höchstens mit einem kleinen „hmpf“.

Pause

Ich gehe raus, rauchen. Sinnigerweise bin ich heute Morgen auf meine totgetragene Nike Jacke umgestiegen. Zwar nicht so wärmend oder ansehnlich wie der Wintermantel, dafür kann sie besser mit dem Regen umgehen. Jetzt eine laue Sommernacht, aber nein, es muss ja Winter sein. Das Publikum besteht aus Menschen Ende Zwanzig bis Anfang Vierzig. Alternatives Volk. Wenn Brille getragen wird, dann grundsätzlich Hornbrillen. Egal ob Frau oder Mann. Ich bin viel zu bescheiden, um von mir zu behaupten, ich sei der Erste gewesen, der diesen Look etabliert hätte, dafür kann ich sagen, ich bin am längsten dabei. Das ist also die Bremer Elite.

Kurz überlege ich, ob ich in mein Raucher-Manifest aufnehme, keine Zigaretten mehr am Automaten zukaufen. Ich habe mich vertan. Anstatt der normalen Marlboro Gold, habe ich die Langen erwischt. Marlboro Gold im Softpack, meine Marke, wenn man so will, gibt es eh nicht im Automaten. Wenn man die langen Zigaretten alleine raucht, geht es. In Gesellschaft, also in der rauchenden Restgesellschaft, wird niemand draußen stehend auf mich warten. Da mache ich mir nichts vor. Ich rauche eh schon so verdammt langsam. Verstoßen von den Verstoßenden.

Rechfertigung: Ich rauche einerseits Marlboro Gold im Softpack, wegen des weißen Filters, andererseits, weil Marlboro ein sehr schmales Emblem ans Ende seiner Zigaretten druckt. Ich habe mal gehört, dass man das Emblem nicht mitrauchen dürfe, da stecke mehr Krebs drin als im gesamten Rest der Zigarette. So hat alles seinen Grund.

Weiter Gehts. Schamoni raucht und trinkt übrigens auf der Bühne und macht sich daraus einen riesigen Spaß. Er kann gut unterhalten. Festival-Idioten würden jetzt sagen, er ist live besser als auf Buch. Neben mir steigt die Stimmung. Das Mädchen trinkt ebenfalls. Sehr sympathisch. Ich teste in Gedanken den Satz: Und wir haben uns auf einer Lesung von Rocko Schamoni kennengelernt. Funktioniert prima. Wir hätten gleich was zu erzählen und die Freunde würden mir bestätigen, dass es nicht immer ein still ausgehandelter Vorvertrag oder irgendetwas aus dem Nachbardorf sein muss. Nach der Zugabe bewirbt Rocko den Merchandising-Stand, an dem er später persönlich das ein oder andere Exemplar mit einer Widmung versehen wird. Ich würde mir hier und jetzt sofort das Buch kaufen, am besten mit einer Widmung des Meisters, nur habe ich leider leider mein gesamtes Bargeld am Tresen gelassen. Dennoch, meine wärmsten Empfehlungen gehen an Rocko.

Das Mädchen war dann schnell verschwunden. Sie hat ihre Chance nicht nutzen wollen. Oder es war ihre Mütze, auf die ich versehentlich getreten bin.

Lichtgestalt Rocko Schamoni

Kommentare:

  1. Ohne NC? Los, wir drücken noch mal die Uni-Bank!

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  2. Warum sollte ich nach dem Diplom einen Master machen? Wenn es mir darum geht weitere zwei Jahre rumzubekommen, dann bin ich dabei. Aber noch stehen soviele Alternativen aus.

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  3. Softpack? Kannst Du die dann auch so cool-cowboy-mäßig aus der Packung schnippen?

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  4. Leider nein. Ganz im Gegenteil, es ist immer ein Kampf mit der Ersten. Und sieht das denn wirklich cool aus oder eher Angeber-Macho-like? Dann müsste ich doch auch ständig Baby sagen, oder?

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  5. Schon Angeber-Macho-like :) Ich dachte, man kauft die deswegen. Ansonsten sehe ich keine Vorteile in Softpacks: Sie knicken, bröseln Krümel überall hin und man kriegt die Zigaretten nicht anständig da raus oder sie fallen eben raus - immer so, wie man es grade nicht braucht.

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  6. Die weißen Filter sind der Vorteil. Das bißchen Krümeln und Knicken finde ich nicht besonders schlimm. Faszinierend was einem für Fragen zu diesem Text einfallen. Möchte noch jemand wissen, ob die Sitzreihen bequemn waren?

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