Donnerstag, 23. Oktober 2008

Teilzeit Part II - A new Maschine

"I will always be here
I will always look out from behind these eyes
It's only a lifetime" Pink Floyd

Meine nächste Mission führte mich nach Hannover. Ich sollte mich vor der Ortsausfahrt mit jemanden treffen und eine Fahrgemeinschaft bilden. Ich kam extra früher und habe mein Auto im hintersten Eck geparkt.
„Sorry, ich wurde gebracht, Du kannst doch sicherlich fahren?“.

Ich wusste im voraus von unserem Chef, dem Menschenhändler, dass mein Mitarbeiter Auto und Führerschein hatte und theoretisch das Fahren übernehmen könnte. So ersparte ich mir unnütze Diskussionen. Fahrgeld wurde nämlich nur sehr spärlich gezahlt. Nach einer ruhigen Fahrt in Hannover angekommen, warteten wir erstmal eine halbe Stunde in einem unklimatisierten Raum. Unsere Aufgabe war es, für das Weihnachtsgeschäft Bestellungen verschiedenster Zusammenstellung zu verpacken und zu verladen. Ich war für das Zusammenstellen und Verpacken zuständig. Das „Ameise“-Fahren überließ ich anderen. Drei Typen arbeiteten fest im Lager der renommierten Firma, die Verantwortung über den Warenausgang hatten zwei ratlos wirkende Studenten.

Die drei Festangestellten Arbeiter hätten unterschiedlicher nicht sein können. Zum einen ein kleiner, dünner Lockenkopf, der ständig mit Kopfhörern rum lief, aber diese Riesendinger, wie sie Copiloten tragen. Er blätterte jede Pause in seinem Technik Katalog herum und murmelte so was wie: „Man, krass, Mini Disc wird das nächste große Ding“. Er zeigte mir aus einem seiner Kataloge einen Ohrensessel mit eingebauten Kopfhörern und einem integrierten Mini Disc Player. Darauf würde er sparen.
Zum anderen war das ein stummer Türke, den man nur hin und wieder durch die weit verwinkelten Gänge der Lagerhalle fluchen hörte. „Scheiße! Drecks Schnee“.
Gemeint war der Kunstschnee, den er über den kompletten Gang verteilt hatte. Aber der Beste und der heimliche Chef des Ganzen war der Dritte im Bunde. Fetti Fetti Fett Fett. Ich habe ihn so getauft, weil er kein Doppelkinn hatte, sondern ein Doppelgesicht. Eine durchgängige Wulst stülpte sich im Ansatz rund um über sein Erstgesicht. Außerdem war er der einzige, der den Gabelstapler fahren durfte. Ich hätte behauptet, er wurde in dem Stapler hineingeboren und wohnte jetzt in dem kleinen Gehäuse, wenn er nicht zu den Pausen mit uns am Tisch gesessen hätte. Er ersäufte einen Zwieback in seinem Kaffee und ließ ihn sich komplett mit der schwarzen Tunke voll saugen, daraufhin ließ er ihn in einem Haps dort verschwinden, wo ich seinen Mund vermutete. Ich muss abnehmen, kommentierte er den, sich bis zu 10-mal wiederholenden Ritus. Scheinbar dachte er, mein entsetzter Gesichtsausdruck galt der geringen Menge, die er sich einverleibte.

Fetti war deshalb der heimliche Chef, weil er uns immer wieder antrieb. Egal wie schnell wir arbeiteten, es langte nie. Als ich mit meinem Hubwagen unwissend auf einen der breiteren Zwischengänge geriet, hupte Fetti schon vom Weiten.
„Weißt du warum ich in diesem Stapler sitze und du diesen Einkaufswagen durch die Gegend kutschierst?“
Meine Theorie mit seinem Geburtsort und der Fettleibigkeit habe ich für mich behalten…
„Na, weil ich weiß, wie man damit umgeht! Hier ist eine gelbe Linie, das bedeutet nur für Stapler!“
Alles klar, ich trottete ab. Kurz darauf sah ich, wie er den Türken auf die Gabeln lud, um ihn, balancierend, etwas aus den höheren Regalen holen zu lassen.

Am nächsten Tag stand ein neuer Kollege am Treffpunkt. Pole, vielleicht fünf Jahre älter als ich. So ein bauernschlauer Berufsschulhof Coolio.
„Ey, können wir deine Karre nehmen, ich wurde gebracht.“
Verdammt, das war nicht nur meine Strategie, er besaß sogar die Dreißtheit sie gegen mich einzusetzen. Was sowas angeht, bin ich normalerweise beidfüßiger als Pele, aber ausgerechnet dieses mal entpuppte sich der linke Fuß als der Schwächere. Er musste Mitleid mit mir bekommen haben, so verschreckt wie ich da stand.
„Ach, egal, dann fahren wir mit meinem Karren.“
Es handelte sich dabei um einen tiefer gelegten BMW, mit allem Schnick Schnack. Er bretterte über die B6 und erzählte mir wie viele Menschen sich hier wegen der dummen Raserei totführen. Dabei war er während seines Monologes quasi nur auf der linken Fahrbahn, meine Fingernägel waren im Armaturenbrett. Ich fragte ihn, wie er sich das Auto leisten könne und vor allem, wieso er dann bei einer Teilzeitfirma maloche. Er beschiss das System. Offiziell hatte er gar keinen Schlurren. Er vertickte Versicherungen an junge Ehepaare auf Mallorca. Das wäre auch sicher was für mich, schwor er. Der Job war gemeint, nicht die Versicherung. Im Winter sei er dann bei der Teilzeitfirma, wenn er nicht krankmache. Ab dem Moment hörte ich ihm nur noch zu. Er erzählte von dem Autolackierer Job bei seinem Onkel. Worauf man achten muss, wenn man seine Karre pimpt. Wo er seine Musik runterlädt. Wie man sich um die Maloche drückt. Wie man mit der „Ameise“ umgeht und wie man unbemerkt über die gelben Linien gehen kann.
Als er mich wieder am Treffpunkt absetzte, sah er wie ich zu meinem Opel Corsa A ging, hupte und brüllte mir hinterher:
„Sag das nächste mal gleich, dass du so eine Schrottlaube fährst, dann hätten wir sofort meine Karre genommen.“
Ein nächstes Mal gab es nicht, ich hatte bereits eine neue Mission bekommen.

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