Dienstag, 15. März 2011

Harte Zeiten

"Die Krise der Neuzeit ist keine Krise der Wahrnehmungen, keine Krise des menschlichen Bewusstseins. Es sind nicht versteckte Denkmuster und Gefühlsstrukturen, die unser heutiges verhängnisvolles Handeln nach sich gezogen haben, sondern es sind gewollte Denkmuster und Gefühlsstrukturen" Hans A. Pestalozzi 

Selten war die Tagesschau düsterer. Seit dem Mauerfall gab es politisch keine guten Neuigkeiten mehr. Obama als Vorschusslorbeeren einen Friedensnobelpreis zu verleihen, zeigt, wie groß die Sehnsucht nach guten Nachrichten ist. So kommt es mir vor. Im Gegensatz zu Kontaktlinsen, habe ich mich daran gewöhnt. Aber was in den letzten Tagen abläuft, ist wirklich beängstigend. Erst die Berichtserstattung aus Libyen - Kopfschütteln, Ohnmachtgefühl - direkt darauf Bilder aus Japan mit anschließender, ausschließlich auf Wählerstimmen bezogener Atomkraftdiskussion. Seit wann liegt die Mehrheit in Deutschland richtig? Allein da muss man doch stutzig werden.

Es sind harte Zeiten. Manchmal wünsche ich mir das politische Bewusstsein eines Amerikaners. Ich würde bei dem Unglück von Fukushima zuerst an Godzilla denken, Libyen für eine Verschwörung der eigenen Regierung halten, um von Innenpolitischen Problemen abzulenken und nicht wissen, wo sich Amerika auf dem Globus befindet. Für den Frühschoppen reicht solches Nichtwissen völlig aus. Der einzige, dem die Weltuntergangsstimmung entgegenkommen dürfte, ist vermutlich der Herr zu Guttenberg. Er ist jedenfalls endlich raus aus den Schlagzeilen. Vorausgesetzt es kommt nicht ans Licht, dass einer der Atomphysiker seine Abschlussarbeit nicht selbst geschrieben hat.

Am schlimmsten sind die Menschen, denen endlich wieder ein Grund gegeben wird den Betroffenen zu mimen. Das Feindbild, die Atombefürworter, liefert die Presse einfach halber gleich mit.
„Ich schaue keine Simpsons mehr, wegen Mr. Burns.“ Über solch einen Satz würde ich mich freuen. Ausgezeichneten Blödsinn reden darf man immer, nur über Inhalte sollte man am besten gar nicht erst diskutieren. Es endet entweder in einem großen Missverständnis oder in selbstzufriedenem Zugeproste.
Es werden Links zu Spendenaufrufe mit Spenden verwechselt, das Profilbild wird solidarisch zu der japanischen Flagge geändert, jeder zweite ist sich sicher: die Regierung verarscht uns, brüllt Revolution und kann sich gleichzeitig nicht die Gurke vom McDonalds Cheesburger wegdenken. Es ist ja schrecklich was passiert und die Anteilnahme ist berechtigt, wenn alle nur nicht wie Idioten klingen würden.

Schlimmer als am schlimmsten sind diejenigen, die nicht beim Thema bleiben können und die Betroffenheitsstimmung auf andere Themen lenken. Da wird die Welthungersnot wieder hervorgeholt. Das Thema ist permanent und sowieso wichtiger, weil es mehr Opfer zu bieten hat. Gleichzeitig werden alle, die sich um die Japaner sorgen, latent als leichtgläubige, von den Medien beeinflussbare Ignoranten abgestempelt. Als Argument kann das nicht gemeint sein. Wie sollte das lauten? Es könnte schlimmer sein? Das sind nur weitere Opfer unseres hohen Lebensstandards? Es gibt Wichtigeres wo wir den Hebel ansetzen müssen? Nur noch eine Frage der Zeit bis aus dem Grünenlager das weltweite Bienensterben aufgegriffen wird. Es sind ja gerade alle so schön in Betroffenheitsstimmung. Schließlich sind Insekten auch Menschen Lebewesen. Weltversteher und Gutmensch passt nicht zusammen. Das ist so selten, das zählt noch nicht einmal als Ausnahme und ganz besonders wird von solchen Menschen nicht das Netz 2.0 bevölkert.

Gestern war das Internet noch Anstoß und Informationslieferant einer erfolgreichen Revolution. Heute ist es wieder die Müllhalde für alle Dr. Lieschen Müllers. Auf den Doktortitel wird ausdrücklich nicht verzichtet. Wenn alle, die ein Betroffenheits-Post ins Internet setzen auf ihr Internet verzichten würden, könnte ein Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Denkt da mal bitte drüber nach.

Tapfer bleiben!


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