Mittwoch, 1. August 2012

Run this Town

"Meep Meep" Der Roadrunner

Anfangs lief ich ohne Musik. Die Kopfhörerkabel sind zu kurz, um von der Jogginghose bis zu den Ohren zu reichen. Vorausgesetzt die Hose hat überhaupt Taschen. Für eine Trainingsjacke, so wie ich sie aktuell beim Laufen trage, war es vor ein paar Wochen noch zu warm. Von der Jackentasche aus reicht das Kabel bis in die Ohren. Den Haustürschlüssel flechte ich nach wie vor in die Schnürsenkel. Die 100 Meter von meiner Wohnung bis zum Werdersee gehe ich. Manchmal habe ich die Gelegenheit in die vorbeifahrende Bahn und somit in die genervten Gesichter der Leute zu blicken. Nicht in ihre Richtung zu müssen, motiviert mich zusätzlich. Zum Warmmachprogramm gehört die Strecke vom Roten Kreuz Krankenhaus bis zur Brücke über den Werdersee. Bis hierhin stimmt die Körperhaltung noch. Spaziergänger werden elegant umkurvt und die Zeit zwischen Klingeln und dem Überholmanöver eines Fahrradfahrers vergeht so langsam, dass ich mich oft besorgt umdrehe.
Das Brückengeländer bietet sich perfekt für die Dehnungsübungen an. Leider ist an dieser Abzweigung auch am meisten los. Trinker nutzen die Nähe zum Rewe Markt, Familien mit Kinderwagen streiten über die einzuschlagende Richtung und Mädchen wechseln vom flachen Schuhwerk auf Skates. Die Trinker stören nicht, die sind eher nett. Die Spaziergänger mit Kinderwagen verstehe ich häufig nicht, die sind mir entsprechend egal. Nur den Mädchen auf den Skates traue ich nicht, die sind mindesten acht bis zehn Zentimeter kleiner als sie vorgeben zu sein.

Wie beim Laufen auch, kann man beim Dehnen viel verkehrt machen. Amateure legen ihre Sehnen anstatt die Hacken auf das Geländer und bringen ihre Füße in eine unnatürliche, verdrehte Position. Dazu sollte man darauf achten mindestens 30 Sekunden in einer leicht beanspruchenden Dehnhaltung zu verbringen. In der Dehnphase laufen natürlich hoch motivierte, in Spandex gekleidete Jogger an mir vorbei. Es gibt eindeutig einen Gruß unter entgegenkommenden Joggern. Eine schlampig ausgeführte Handbewegung auf Hüfthöhe. Ich habe ihn nie erwidert. Wenn es nach mir ginge, bestünde der Gruß aus einer sauber ausgeführten Clothesline. Diese Familienväter in ihren semiprofessionellen Spandex Suits sind mir unheimlich. Die verbrennen bei ausdauernder Belastung sicherlich Zucker, vielleicht kommen sie sogar an das schwer zu erreichende Fett, aber denen geht es doch niemals um die Endorphine. Über den psychosomatischen Effekt beim Laufen hinauszukommen, ist sehr schwierig. Für mich ist das Gefühl "etwas getan zu haben" sowieso der einzige ganzheitliche Ansatz. Die Annahme, man nehme ab indem man regelmäßig ein paar Runden drehe, ist illusorisch. Die körperlichen Grenzen ausloten, überschreiten und mich daraufhin bestätigt fühlen, mehr ist nicht drin.

Ich laufe nie ganz um den Werdersee, sondern immer nur bis zu einem bestimmten Punkt und dann dieselbe Strecke wieder zurück. Mal das Knie, mal der lädierte Rücken oder die übersäuerten Schienbeine, irgendetwas zwingt mich immer zur Umkehr. Der Grund: Die andere Seite des Werdersees ist großflächiger und bietet mehr Auslauf für Hunde, Drachenflieger und FKK Omis. Außerdem gibt es einen ausgewiesenen Bereich für Schwimmer, einen Spielplatz und Sonstiges was Kinder anlockt.

Ich laufe am Roland Krankenhaus vorbei, an den Gipsarmrussen und all die versehrten mit ihren Gehhilfen. Die hassen den schludrig gekleideten Gelegenheits-Jogger wie mich, mit seinem provokant abgeschlafften Laufstil. Als ob ich hier nur wegen denen einen auf leichtfüßig machen würde. Und ich komme sogar noch ein zweites Mal vorbei, agil und mit Daumen hoch. Pure Verachtung.
Es ist interessant zu beobachten, wohin junge Frauen schauen, wenn sie mir beim Joggen entgegenkommen. Abwechselnd in die Wolken, die Bäume oder auf das Wasser. Da gibt es überhaupt nichts zusehen, aber alles immer noch besser als des Starrens bezichtigt zu werden. Zwischen dem ersten Blickkontakt und dem Aneinandervorbeiziehen liegen bestimmt zehn Sekunden. Solange beschämt in die Runde zu schauen, ist schon etwas albern. Erst auf den letzten Meter werfen sie einen eingeschnappten Blick rüber. Nach unten schauen sie nie, wegen des Doppelkinns. Vermute ich. Erst einmal wurde mir zugelächelt.

Was das Laufen oder das Streckemachen so anstrengend gestaltet, ist nicht der eigene Körper, sondern die der anderen. Am unerträglichsten sind Läufer, die mich überholen und kurz vor mir wieder in ihr normales Tempo verfallen. Das kommt zum Glück sehr selten vor. Ziehe ich während ihrer Dehn- oder einer Schwächephase wieder an ihnen vorbei, kann ich mir ein „Meep Meep“ nicht verkneifen. Radfahrer haben einen klar ausgeschilderten, eigenen Weg, die belästigen im Idealfall niemanden. Hunde hingegen nerven immer. Inline Skater eigentlich auch. Wenn sie einen überholen, sind sie durch das ausufernde Schwungholen in ihrer Geschwindigkeit und dem Platzbedarf nur schwer einzuschätzen. Am schlimmsten sind Pärchen, die Hand in Hand fahren müssen. Der Typ sehnt ganz offensichtlich den Moment in der Beziehung herbei, in dem sie endlich über den Umstand des gemeinsamen Inline Skaten hinweg sind. Oft versprühen die Herren auf ihren modernen Rollschuhen den Charme eines Achtzigerjahre Freddy Mercurys. Und sie wissen es. They want to break free.
Oder sie spielen einfach nur bei Starligt Express mit. Kann auch sein.

Kommentare:

  1. Ich schaue bei entgegenkommenden Passanten/Joggern meistens auf den Boden und tue wahnsinnig konzentriert. Ziemlich doof.
    Und das mit dem Grüßen war mir neu; bei uns habe ich das noch nicht beobachtet. Vielleicht sollte ich damit anfangen und Reaktionen beaobachten. Dann hätte ich auch eine Lösung für das auf-den- Boden-gucken gefunden.

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    1. Wenn du nach unten schaust, kannst du den Gruß auch gar nicht mitbekommen. In der Werbung schauen die hoffnungslosen Fälle beim Joggen auch immer nach unten. Zumindest bis irgendein Produkt ins Bild geflogen kommt.

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  2. Es geht doch um das Hochgefühl!

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