Posts mit dem Label Jan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Jan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 22. Mai 2011

Sonntag, den 1. Mai 2011 - Jan-Hinnerk

Wieder die Morgenroutine: Ich schalte den Computer an und der zweite Artikel, der mir nach dem Borussia Dortmund Foto bei Spiegel Online begegnet, ist die Vorberichterstattung zum Hamburger Polizeieinsatz am 1. Mai, dem Tag der Arbeit. Diesen Feiertag gibt es heute auch in Thailand, doch hier interessiert das niemanden so richtig. Insbesondere keine Krawallmacher.

In dem Reiseführer, den ich ganz zu Anfang meiner Auslandsreise gelesen habe, steht wortwörtlich „Bangkok ist bei Nacht nicht gefährlicher als… Bielefeld.“ Ich war noch nie bei Nacht in Bielefeld und ich habe es auch nicht vor, aber ich vermute, dass es in Bangkok sogar chilliger ist. Das gefällt mir. Ein bisschen liegt das bestimmt daran, dass die meisten Menschen hier Buddhisten sind und damit aus kulturellen Gründen Konfrontationen und Streit eher aus dem Wege gehen. Überhaupt ist es beeindruckend wie friedlich arme und unglaublich reiche Menschen hier in unmittelbarer Nachbarschaft zusammenleben. Wobei mir einschränkend einfällt, dass es gerade letztes Jahr natürlich auch blutige Auseinandersetzungen in Bangkok gab. Am Ende musste das Militär eingreifen und meine Kollegen konnten fast 14 Tage lang nicht ins Büro kommen, weil Straßenkreuzungen und Stationen von Aufständischen kontrolliert wurden. Dieser Aufstand war aber offenkundig politisch motiviert und hat mit Alltagskriminalität und Vandalismus nichts zu tun. Im Großen und Ganzen ist Bangkok friedlicher als Bielefeld. Ich habe in den letzten Monaten jedenfalls nur Soldaten gesehen, die sich bei 7-Eleven gerade Cola kaufen.
Wenn ich so an meine Zeit in Stuttgart denke, muss ich feststellen, dass ich da mehr Schiss hatte: Bekloppte S21-Demonstranten, die mit Steinen schmeißen und Mülltonnen durch die Gegend treten. Noch beklopptere Polizisten, die im Gegenzug mit Wasserwerfern auf Schüler zielen und einem Demonstranten ein Auge rausjagen. Mitbürger mit Migrationshintergrund, die in der S-Bahn schwarzfahren und den Kontrolleur beschimpfen oder mich beim nächsten Mal nachts in der S-Bahn anrempeln und beleidigen. Vielleicht hatte ich nur Pech, aber so richtig wohl kann man sich da nicht fühlen.

An Skytrain und Metro, den öffentlichen Verkehrsmitteln in Bangkok, kleben keine Graffiti. Es gibt keine eingeschlagenen oder verkratzten Scheiben und Müll ist nirgends zu sehen. Am Bahnsteig stellen sich alle Leute gelassen in Reihe an, auch wenn es brechendvoll ist. Okay, gelegentlich drängeln sich versprengte Europäer vor, aber trotzdem ist es selten hektisch. Es kann auch keiner schwarzfahren, weil man nur mit Fahrschein auf den Bahnsteig kommt und Bahnfahren außerdem so günstig ist, dass es den Sprung über die Absperrung nicht wert wäre. Ich wünsche mir dieses Niveau von der Deutschen Bahn. Ironischerweise wird der Airport Link, also die Bahnlinie zum Flughafen Bangkok, von der Deutschen Bahn betrieben. Das soll mir mal einer erklären.
Als Gegengewicht zu diesem vergleichsweise harmonischen System, präsentiert sich der Straßenverkehr als lebensgefährlich und nervtötend. Ständig ist Stau, überall nur Autos, Tuk-Tuks und Mopeds. Natürlich trägt auf dem Moped kaum jemand einen Helm - obwohl das inzwischen sogar Pflicht ist/wäre. Wo es möglich ist, fahren dafür aber alle zu schnell und sprinten in dem engen Großstadtgewühl rechts und links an den fahrenden Autos vorbei. Kein Autofahrer macht ruckartige Lenkbewegungen, weil sonst sofort ein Zweirad auf der Seite liegen würde. Die übliche Schutzausrüstung der Motoristen besteht aus kurzer Hose, T-Shirt und Flipflops. Unfälle enden deswegen häufig hässlich. Wer sein Leben mag und die Zeit für den obligatorischen Verkehrstau erübrigen kann, der fährt besser Taxi. Aber das ist eben die Art von Großstadtterror, mit der man in Bangkok leben muss. Und mir ist es allemal lieber, als unkontrollierte Krawalle am 1. Mai.

Apropos 1. Mai… Wie beschrieben ist heute ja auch in Thailand "Tag der Arbeit". Und weil Feiertage, die auf das Wochenende fallen, arbeitnehmerfreundlich auf den nächsten Werktag verschoben werden, habe ich morgen noch mal frei. Auch darüber könnten wir in Deutschland mal nachdenken. Ich verbuche den Tag jedenfalls als Ersatz für den entgangenen Ostermontag am Wochenanfang. Und so schließt sich der Kreis der Woche.

Samstag, 21. Mai 2011

Samstag, den 30. April 2011 - Jan-Hinnerk

Ich schlafe bis weit über Mittag. Es ist ungefähr 14 Uhr als ich das erste Mal auf die Uhr sehe. Noch reichlich umnachtet stehe ich auf und latsche ins Wohnzimmer, wo ich wie jeden "Morgen" zu allererst meinen Computer einschalte. Ganz so als wäre es mein Gehirn, dem ich nach der Nacht durch einen Knopfdruck den Saft einschalte. Heute klappt das nicht. So einfach lassen sich die Synapsen samstags nicht beeindrucken. Ich brauche einen echten Saft: Kühl und sauer.

Ich verdaddel noch eine gute Stunde in Bad und Internet, bevor ich beschließe, diesem Tag eine Wendung zu geben und ins Konsum-Wunderland der Stadt zu fahren. Der Wechselkurs zwischen Euro und Thailändischen Baht hat sich in letzter Zeit wieder etwas erholt. Ein Euro ist über 44 Baht wert. Das sind 10 Prozent mehr als zu Anfang meiner Zeit hier! Das heißt auch, gefühlt ist für mich jetzt alles 10 Prozent billiger. Die Gunst der Stunde will genutzt werden.
Ohne zu wissen, wonach ich eigentlich genau suche, lasse ich mich durch die einschlägigen Malls treiben und halte mich vor allem in Klamottenläden und Elektronikabteilungen auf. Einmal betrete ich auch einen Schuhladen. Den aufdringlichen Verkäufer werde ich sofort mit meiner Standardfrage los: "Haben sie den auch in Größe 46?" Das hat bislang immer geklappt. Die Menschen in Thailand sind durchschnittlich eben kleiner. Überhaupt scheint es eine gute Strategie zu sein, motivierte Verkäufer gleich mit einer Gegenfrage zu konfrontieren. Die Antwort lautet in 90 Prozent aller von mir erfassten Fälle "nein". Ich kann das empirisch belegen. Bei einem Verkaufstraining für Vertriebsmitarbeiter wurde mir mal beigebracht, dass man das Wort "nein" nur äußerst selten sagt. Und wenn doch, dann bettet man es in watteweiche Floskeln. Das scheinen die hier anders zu sehen. Neinsagen kann was.

Freitag, 20. Mai 2011

Freitag, den 29. April 2011 - Jan-Hinnerk

Auf geht's, letzter Arbeitstag der Woche. Bevor ich das Haus verlassen kann, muss ich erst mal die Wohnung retten und die Klimaanlage abschalten. Die regnet nämlich fröhlich Kondenswasser ins Wohnzimmer. Diagnose und Therapie dieses Problems überlasse ich dem freundlichen Hausmeister, den ich auf dem Weg zur Arbeit in 1-A-Thänglish über den überraschenden Frühjahrsregen informiere. Ich muss mich um nichts kümmern.

Die Arbeit macht ihrer Bezeichnung heute alle Ehre und ich bin froh, abends noch mit einigen Kollegen ins Irish Pub „Dubliners“ zu fahren. Unser japanischer Kollege Kamo spielt hier jeden Freitagabend mit seiner fünfköpfigen Band und deswegen zieht es mich hier recht regelmäßig her. Kamo spielt E-Geige und die Stimmung ist so wie sie in einem Irish Pub sein sollte. Natürlich läuft wieder die Hochzeit, aber das stört jetzt nicht weiter. Außerdem muss ich heute anerkennend einräumen, dass die Braut tatsächlich eine gute Figur macht. Aber welche Frau tut das am Tag der Hochzeit nicht? Die meisten Frauen fiebern jahrelang, wenn nicht lebenslang, auf diesen Tag hin und überlassen nichts dem Zufall, um auf die Minute genau perfekt auszusehen. Nur das Ausmaß der dafür erforderlichen Anstrengungen ist unterschiedlich. Ich bin gespannt, ob es Kate so gut gefallen hat, dass sie irgendwann noch ein zweites Mal heiratet. Das hat bei vermeintlichen Traumhochzeiten ja durchaus Tradition.

Die Kollegen und ich besetzen nach und nach ein großes hölzernes Bierfass, das zum Stehtisch umfunktioniert wurde und verbringen einen schönen Abend mit erfrischend wenig Berufsthemen. Um Mitternacht hört die Musik auf zu spielen, aber einige Runden können wir noch bestellen. Und so fahre ich erst gegen 3 Uhr nach Hause, schneie auf den letzten Metern noch bei 7-Eleven rein und hole mir noch ein Schlenderwasser. Licht aus, Augen zu.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Donnerstag, den 28. April 2011 - Jan-Hinnerk

Gegen Abend verlege ich den Arbeitsplatz mit einigen Kollegen an unseren Stammtisch im Irish Pub direkt gegenüber. Hier geben wir uns im Feierabend gerne den Themen hin, die wir während der Arbeitszeit noch nicht ausreichend diskutieren konnten. Zum Beispiel weil die Atmosphäre im Büro nicht adäquat ist. Heute treffen wir außerdem Freunde von meinem Kollegen Vern, die ich teilweise vom Fußball kenne.

Im Irish Pub läuft immer Fernsehen. Was rede ich?! Die haben hier natürlich ne Großbildleinwand und mindestens acht weitere Fernsehgeräte, die jeden Winkel der zweistöckigen Pinte mit BBC, Sport und anderen kneipentypischen Programmen versorgen. Ich spekuliere auf eine Zusammenfassung des Champions League Halbfinals von Schalke gegen Manchester United. Aber irgendwie laufen nur Rugby, NBA Playoffs und… die Vorberichterstattung von William & Kate. Was passt nicht in die Reihe? Als Tipp: Wir sind hier in der Kneipe. Okay, es ist eine britische Hochzeit und ich befinde mich im Irish Pub. Aber gehört die Hochzeit wirklich hierher? Dass die Hochzeit erst am Freitag stattfindet, kann selbst ich dem tonlosen Programm entnehmen. Das ist dem Programm aber egal, es läuft humorlos weiter.

Gerade als ich diesen Gedanken wegschiebe, rumpelt mich einer der Fußballer an, der sich offenkundig spontan daran erinnert, dass ich aus Deutschland bin. Er beginnt einen Vortrag über den englischen Vereinsfußball, die unglaubliche Serie schwacher Nationalmannschaftstorhüter und outet sich schließlich als Manchester City Fan, dem Erzrivalen von United. ManCity spielt die beste Saison seit langem und entsprechend selbstbewusst tritt auch die Fangemeinde hier auf. Für die desolate Champions League Schlappe der Schalker am Vorvorabend gegen den Stadtrivalen soll ich mich trotzdem rechtfertigen. Dabei bin ich selber alles andere als Schalke-Sympathisant. Im Gegenteil. Wenn es sich dieses Jahr nicht um die letzte deutsche Mannschaft im internationalen Wettbewerb handeln würde, wünschte ich den Knappen die Pest an den Hals. Ich nehme die Diskussion in Ermangelung des Fußballprogramms aber gerne an. Wir diskutieren, ob der Schalker Schlussmann Manuel Neuer nicht auch ein geeigneter Ersatz für Edwin van der Saar wäre, der langsam auf das Ende seiner Sportlerkarriere zugeht. Ich bin mir trotzdem sicher, dass er zu Bayern gehen wird.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Mittwoch, den 27. April 2011 - Jan-Hinnerk

Nach dem reichhaltigen Buffet von gestern Abend ist mir heute Morgen eher schlecht als recht. Eigentlich komisch, denn normalerweise habe ich morgens riesigen Hunger, wenn ich mir den Magen vorm Schlafengehen richtig vollgeschlagen habe. Der berüchtigte Magenweitungseffekt. Ich bin sicher, ihr kennt das. Na ja, heute also nicht. Frühstück habe ich mir in Thailand sowieso weitgehend abgewöhnt. Mir morgens schon Reis und Chili reinzupfeifen, das ist meine Sache nicht. Frische Backwaren sind dagegen nur sehr spärlich verfügbar und abgesehen von Obst gibt es hier meiner Meinung nach wenige Alternativen zu einem morgendlichen Müsli. Müsli ist natürlich vollkommen Thailand-untypisch. Nur im Supermarkt für westliche Langnasen gibt es für umgerechnet 11 Euro eine 1000g-Packung. Auf der Verpackung steht "Hahne multi fruit muesli, Bad Oeynhausen". Kein Wunder, dass der Preis von einem anderen Stern ist. Jenseits jeden ökologischen Gewissens bevorrate ich aus reiner Bequemlichkeit trotzdem eine Notration. Für den Fall, dass ich morgens mal gar nicht vom Fleck komme oder über Nacht eingeschneit bin. Ansonsten hole ich mir aber meistens auf dem Siebeneinhalb-Minuten-Fußweg von der Wohnung zur Arbeit was an einem der zahlreichen Verkaufsstände, die den Bürgersteig säumen. Zum Beispiel Orangensaft. Frisch ausgequetscht natürlich. In Thailand hält der Orangensaft außerdem tatsächlich was er verspricht und präsentiert sich in sattem Orange. Orangensaft à la HohesC ist dagegen ja unsinnigerweise gelb.
 
Die Mittagspause verbringen die Kollegen und ich heute in einer kleinen Straße, die gleich gegenüber von unserem Bürogebäude unscheinbar ins Nichts führt. Nachts verwandelt sich die Gasse in einen einzigen, langen Tresen, aber tagsüber ist es wunderbar ruhig hier und es gibt reichlich Sitzgelegenheiten, das heißt Plastikbestuhlung. Die Sonne steht nun fast senkrecht am Himmel und brennt selbst zwischen den Hochhausschluchten der Großstadt gnadenlos auf den bröckeligen Asphalt. Es sind 38°C. Eigentlich nicht das richtige Wetter, um draußen zu essen, aber das Kollektiv hat entschieden. Immerhin sitzen wir im Schatten, die direkte Sonneneinstrahlung gleicht einem Himmelfahrtskommando. Ich entscheide mich für ein Hühnchencurry mit scharf angemachtem Gemüse. Dazu roter Reis. Kostet alles zusammen sagenhafte 40 Baht, also ungefähr einen Euro. Wunderbar.

Gegessen wird übrigens mit Löffel und Gabel und nicht, wie oft spontan vermutet, mit Stäbchen. Löffel in der rechten Hand, Gabel zur Unterstützung in der Linken. Stäbchen gibt es paradoxerweise nur für Suppengerichte. Später am Nachmittag hole ich mir für Zwischendurch noch eine frische Ananas von einem der Straßenstände. Die Frucht ist schon fertig geschält und in mundgerechte Stücke zerschnitten. Eine ganze Ananas kostet 30 Baht. Wieder 75 Cent. Traumhaft.

Nach der Arbeit kehre ich auf dem Heimweg in meinen favorisierten Sushi-Laden an der Ecke ein. Ich will was zum Mitnehmen. Die Verkaufs-Vitrine ist noch prall gefüllt und ich habe volle Auswahl. Also lade ich eine stattliche Vielfalt verschiedener Meisterstücke auf das Tablett und male mir schon das Abendessen aus. Die Mädels an der Kasse freuen sich, mich mal wieder zu sehen und fragen, wo ich so lange war. Außerdem wollen sie offenbar bald Feierabend machen und das Fisch-Zeug loswerden. Nachdem ich bezahlt habe, legen sie noch fünf Thunfisch-Maki obendrauf und wünschen mir guten Appetit. Heute ist mein Glückstag. Mal wieder.

Dienstag, 17. Mai 2011

Dienstag, den 26. April 2011 - Jan-Hinnerk

Dienstag beginnt mit etwas mehr Geschäftigkeit und es gibt ein paar Dinge zu organisieren. Gleich morgens habe ich außerdem Thai-Sprachunterricht bei meiner Lehrerin Khun Am. Khun Am kommt immer direkt bei uns im Büro vorbei und wir können für die 90-minütige Unterrichtseinheit eines der Besprechungszimmer besetzen. Zwischendurch lief es mal ganz gut mit dem Lernen, aber inzwischen ist der Dampf ein bisschen raus. Ganz ehrlich, so richtig begriffen habe ich Thai nicht, aber immerhin reicht es für das Nötigste. Mein falsch betontes Gestammel sorgt bei den Thais jedenfalls nach wie vor für Erheiterung. Aber Thailändisch ist wirklich eine witzige Sprache. Wenn man sich ein bisschen reinhängt, erzielt man ziemlich schnell kleine Erfolge, denn das Alltags-Thai ist ziemlich einfach zu lernen. Zum Beispiel brauchen Verben nicht konjugiert zu werden und es gibt im Prinzip keine Zeitformen. Was allerdings richtig viel Mühe macht, ist das Thai-Alphabet, das aus 44 Konsonanten, 21 Vokalen und 5 weiteren Betonungszeichen besteht. Noch mal: Allein 21 Vokale! Wer wirklich Thai lernen will, kommt an diesem Brocken langfristig angeblich nicht vorbei.
 
Sobald man allerdings den damit verbunden Aufwand in Relation zum Nutzen setzt, dann muss man feststellen, dass es keine sehr lohnende Investition ist, Thai zu lernen. Außer den 60 Millionen Thais sprechen nur noch 20 Millionen weitere Menschen auf dieser Welt Thai. Thailand ist einfach unbedeutend und für den Südseeurlaub reicht selbst das rudimentärste Thänglisch.

Für abends habe ich mich mit Ju verabredet. Ju heißt eigentlich Juthamas, ist 28 Jahre, Thai und ich habe sie über meine ehemalige Sprachlehrerin aus Stuttgart kennen gelernt. Sie war sozusagen mein allererster Kontakt in Bangkok, weit bevor ich überhaupt einen Fuß auf thailändischen Boden gesetzt habe. Heute wollen wir zusammen was essen gehen. Sie macht ein Geheimnis aus dem Treffpunkt und sagt, dass wir gemeinsam hinfahren müssen. Ich müsse also sehr pünktlich sein. Ich tue uns den Gefallen.

Wir halten mit dem Taxi am Chao Phraya (dem großen Fluss in Bangkok). Es läuft auf eine Dampferfahrt mit Buffet hinaus und außer uns beiden kommt noch Jus Freundin Curbie mit, die ich schon von einem vorherigen Treffen kenne. Auch Curbies Eltern sind mit dabei und die kannte ich bislang noch nicht. So wird es eine schöne bunte Runde, mit gutem Essen an Bord und einem schönen Nachtpanorama auf dem Fluss. Ich schlage ordentlich zu, es ist ja schließlich Buffet.

Während des Essens fragt mich Ju, ob ich mal ein Thailändisches Bier probieren möchte und ich schaue sie verwundert an. Was sie wohl denkt, was ich die letzten fünf Monate in Thailand so getrunken habe? Hacker-Pschorr? Ich sage einfach "ja" und überlege, ob sie mich echt noch nie Bier trinken sehen hat? Ju trinkt selbst überhaupt keinen Alkohol und da ich ausschließlich Gesellschaftstrinker bin, ist es wohl gut möglich, dass ich mich bei unseren bisherigen Unternehmungen zurückgehalten habe. Mein Glück, dass Curbies Vater auch Bier bestellt, so dass ich mich nun definitionsgemäß in Trinkgesellschaft befinde. Ich bestelle ein Singha.
Nach der Flusskreuzfahrt verabschieden wir uns von Curbies Eltern und ziehen zu Dritt noch weiter in eine Cocktail-Bar, die sich auf dem Dach des State Towers befindet. Extrem dekadent hier oben und ganz schön teuer. Aber der Ausblick ist es wert und es gibt außerdem Open-Air-Live-Musik. Mir ist jetzt alles egal und ich bestelle Long Island Icetea. Wenn schon, denn schon! Ju fragt mich, ob sie mal probieren dürfe und ich halte ihr bereitwillig mein Glas hin. Sie nippt vom Rand und schüttelt den Kopf. "I thought it was icetea", sagt sie. Irgendwie reden wir heute aneinander vorbei…

Montag, 16. Mai 2011

Ostermontag, den 25. April 2011 - Jan-Hinnerk

Nach dreiwöchiger Urlaubsreise durch Thailand steht heute der erste Arbeitstag der neuen Zeitrechnung an. Ich bin zurück im Büroturm. An Ostermontag. Beim Aufstehen muss ich an die meisten meiner Freunde in Deutschland denken, die jetzt gerade ihren Kater vom Osterfeuer ausschlafen. Im buddhistisch dominierten Bangkok gibt es so was wie Ostern natürlich nicht. Zumindest nicht in Erscheinung eines Feiertags. Aber in Anbetracht der ganzen buddhistischen Feiertage ist der vorübergehende Tausch mehr als fair.

Als ich im Büro ankomme, fahre ich den alten Computer an meinem Arbeitsplatz hoch und frage mich wie viele unbeantwortete Mails wohl auf mich warten. Immerhin war ich drei Wochen lang weg und die moderne Arbeitswelt fordert auch in Abwesenheit ihren Tribut. Ich bin ja wirklich ein vergleichsweise kleines Licht hier, aber selbst die bekommen zum Nachurlaubsauftakt ja meistens gleich eine saftige E-Mail-Flut in den Posteingang gespült. Überwiegend unwichtiges Zeug, aber das vermittelt zumindest den Eindruck, es habe in der Abwesenheit jemand an einen gedacht. Was wohl Leute machen, die tatsächlich wichtiger sind als ich? Wie bewältigen die ihre Mails? Eventuell fahren sie nicht drei Wochen am Stück in den Urlaub? Vielleicht. Oder sie lesen einfach kaum E-Mails. So wie mein Chef. Eigentlich ist das ja auch der richtige Ansatz, denn wenn was Wichtiges wäre, würde man ja angerufen werden. Vermutlich funktioniert das jedoch erst ab einer bestimmten Hierarchiestufe.

Ich öffne also mein E-Mail-Programm und wette mit mir selbst, dass mich mindestens 75 Nachrichten erwarten. Also so ungefähr 25 pro Woche und 5 pro Tag. Das erscheint mir realistisch. Der Posteingang bleibt bei 32 stehen. Klar verschätzt. Irgendwie bin ich jetzt doch enttäuscht und gieße erst mal meine Orchidee, die das Wasser nach dem wochenlangen Entzug knisternd aufnimmt. Ja, die Blume braucht mich! Launig klicke ich mich anschließend durch die Mails und sehe, dass drei Termineinladung schon in der Vergangenheit liegen. Zwei Mails sind von der Betriebssportgruppe Fußball aus Schwieberdingen und in sagenhaften elf Nachrichten geht es um Entschädigungszahlungen für Mitarbeiter, deren Autos auf dem Parkplatz versehentlich mit Farbe bekleckert wurden, als nebenan Bauarbeiten waren. Oh Mann. Mein Posteingang dokumentiert nüchtern, dass ich offenbar doch nicht ernsthaft vermisst wurde. Oder hat etwa jemand versucht, mich anzurufen?

Den Rest des Arbeitstages verbringe ich mit den verbliebenen 16 Nachrichten, etwas Papierkram und Smalltalk mit den Kollegen. Mein Chef führt mir sein neues Geschäftshandy vor: Natürlich ein iPhone. Wir flachsen darüber, dass so was normalerweise nicht bewilligt wird. Chef müsste man sein - nicht nur wegen der E-Mails. Mehr passiert heute nicht. Vermutlich auch, weil aus Deutschland keine Anfragen kommen, auf die man reagieren müsste. Und auf eine Weise ist das total okay so. Ein gemütlicher erster Bürotag, ganz so wie er sein sollte. Ein Tag zum Ankommen. Ich könnte mich daran gewöhnen, an Ostermontag aus dem Urlaub zurück zu sein. Man wäre nie genervt.