Samstag, 25. April 2009

Nichts für Draußen

"Es gibt nun mal Fälle in denen Menschen nicht zusammen passen
deshalb sage ich schluss mit all den krampfhaften Bekanntschaften
Beziehungen und Ehen
ich will sowas nicht sehen
es gibt eine simple Lösung für dieses Problem" Samy Deluxe

"Du fragst dich warum ich dir diese Story erzähl? Na, vielleicht finde ich sie einfach nur originell" Dendemann

2006. Ein Freitagabend. 19 Uhr. Wahlheimat. Ich versuche es kurz zu machen. Ich sitze bei meinem Cousin in der Küche, trinke ein Staropram und rede über The Pharcyde und darüber, dass jeder das Tré Hardson Album haben sollte, bis mein Handy klingelt. Es sind Denise und Chantal (Namen unoriginell geändert).

DENISE [gutgelaunt]: „Hier ist Denise, hast du Lust heute mit Chantal und mir in die Disse zu fahren?“

ICH [skeptisch]: „Ja, warum nicht?“ Bin dabei! Wer fährt denn?“

DENISE [mal ehrlich]: „Tja, das wissen wir noch nicht. Du kennst doch so viele Leute, ruf die doch mal an! Von uns sollte keiner fahren, wir sollten schon alle trinken!“

ICH [nachdenklich]: „Ich kann es versuchen. Bin Gerade noch in...“

DENISE [fordernd]: „Mach schnell, um 20 Uhr wollten Chantal und ich schon bei Dir sein und etwas Vortrinken.“

Bis eben war alles Stressfrei. Tatsächlich finde ich jemanden, der uns heute Nacht aus der Disco abholen würde, aber hinbringen ist nicht. Denise entschließt kurzfristig, dass ich dann ja fahren kann. Mein Auto bleibt dort stehen. Also kein Bier mehr für mich. Ich fahre nach Hause und denke, dass bei dem Start der Abend es verdammt schwer mit mir haben wird.

Es ist 20 Uhr, keine Chantal, keine Denise. Ich schaue fern, schlafe fast dabei ein. Um 23 Uhr klingelt es an meiner Tür. Die drei Stunden will ich wieder haben.

CHANTAL [neckisch]: „Na, schlecht gelaunt oder was?“

ICH [saucool]: „Gar nicht.“

Die beiden schleppen jeweils eine unangebrochene Flasche Fruchtsekt mit sich rum. 10. Klasse Klassenfahrt Erdbeere, steht auf dem Etikett. Na die wollen es ja wissen.

ICH [verwundert]: „Habt ihr noch nichts getrunken?“

CHANTAL [ehrlich]: „Nö, vergessen.“

Ich hätte die Zeit auch super Bier trinkend vor der Glotze meines Cousins verbringen und mich abholen lassen können.

Angekommen in der Disse, frage ich was denn der Anlass sei. Keine Antwort, ich ernte Achselzucken und dumme Gesichter. Der Fruchtsekt landet angebrochen auf meinem Rücksitz. Kaum dass wir den Laden betreten haben, sehe ich nur noch Chantals Scheitel und ihre Nase illuminiert vom blauen Schimmer ihres Handydisplays. Denise rennt zum erst besten Tresen. Hier ist alles so billig. 50 Cent für ein Mixgetränk. Nicht zu glauben. Ich Stelle mich neben Denise an den Tresen. Tragen helfen.

DENISE [besorgt]: „Sag Chantal bloß nicht, dass hier Beck´s Lemon auch so billig ist. Sonst trinkt die heute nur noch das Zeug und wird nie betrunken.“

ICH [unbeteiligt]: „Wird gemacht. Also nicht gemacht. Chantal abfüllen, verstanden!“

Das Gesicht von Chantal ist immer noch über ihr Handy gebeugt und das sollte sich auch den ganzen Abend nicht ändern. Die sagt bestimmt gerade zu Hause ab, lüge ich mich an. Viel geredet wird nicht. Jedes mal, wenn mich ein Mädel grüßt oder rüberschaut, darf ich mich rechtfertigen. Wer war das? Woher kennst du die? Jahrgang? usw. Party ist woanders.

Schon um 2 Uhr soll ich die organisierte Abholgelegenheit anrufen. Mein Handy liegt im Auto… ups. Chantal dreht durch. Sie schreit rum ich solle sofort die Nummer besorgen. Zufällig geht gerade eine Freundin vorbei, sie hat die Nummer.

ICH [ruhig]: „Maike, von früher, 1985, hat die Nummer. Alles wird gut.“

CHANTAL [lauthals]: BEEIL DICH MIT DEM ANRUF, DAS KOSTET ALLES MEIN GELD!“

ICH [kleinlaut]: „Da nimmt keiner ab.“

CHANTAL [fast weinend]: „DU HAST DEM GAR NICHT BESCHEID GESAGT!!!“

Chantal ruft ihren Vater an. Ich bin 24 und muss mich von einem Elternteil abholen lassen. Fuck. Wir gehen in die angrenzende Dönerbude und warten dort. Ich lege mein -die gehören nicht zu mir Gesicht- auf. Denise und ich haben einen Döner in der Hand und versuchen uns gegenseitig den Abend zu erklären.

CHANTAL [drohend]: „EY, MIT DEM DÖNER DÜRFT IHR ABER NICHT INS AUTO!!!“

Ausgerechnet dieses Auto fährt gerade um die Ecke. Denise schmeißt ihren Döner ins Gebüsch. Ich nehme noch einen Monsterbiss und werfe meinen hinterher. Die Stelle präge ich mir instinktiv ein. Als ob es etwas bringe würde. Essen wegschmeißen soweit ist es mit mir gekommen. Tommy Jaud würde diese Chance nutzen und schreiben: In Afrika haben die nichts zu Essen und ich werfe es weg. Leider kann ich nicht bis nach Afrika werfen. Ich steige hinter dem Vater ein, die Backen voll Gammelfleisch, Gurke und Tzaziki.

VADDA VON DER CHANTAL [ehrlich gemeint]: „Guten Abend.“

CHANTAL [gereizt]: „WIRD AUCH ZEIT.“

DENISE [müde]: „Hey.“

ICH [mit vollem Mund]: …mmMmm…

CHANTAL [voll da]: „DER REDET NICHT MIT JEDEM!!!“

Brot klebt mir am Gaumen. Was hat die Alte bloß? Was stand denn in den 100 SMS die sie heute bekam? – Liebe Chantal, deine Wohnung brennt gerade herunter. HDGDL die Feuerwehr.
Es ist 4 Uhr als wir fast vor meiner Haustür stehen.

CHANTAL [diplomatisch]: „Morgen ziehe ich um, du kommst morgen mit meinem Auto zu meiner neuen Wohnung und hilfst. Um 8 Uhr geht es los.“

ICH [gereizt]: „Komisch, habe gar keine Lust.“

CHANTAL [erstaunlich cool]: „Du musst nicht wenn du nicht willst.“

ICH [verwundert]: Okey, dann komme ich nicht.“

CHANTAL [zurück]: „WAS BIST DU DENN FÜR EIN SCHEISS FREUND?“

ICH [nachgebend]: „Super Argument, eigentlich heute um 8 Uhr?“

DENISE [nebenbei]: Ich bin auch dabei und danach holen wir beide dein Auto weg.“

Ich nehme den Autoschlüssel entgegen und falle ins Bett.

Samstagmorgen. 7 Uhr. Ich torkele aus dem Bett, unter die Dusche, in die Hose, ins Auto. Das scheiß Ding fährt gerade so. In ihrem Kaff regnet es in Strömen. Keine Chantal, keine Denise. Schon wieder. Der Vater „Moin“, die Mutter „guten Morgen“ und so ein komischer Typ „höhö, guten Morgen Meister“ sind die einzigen vor Ort. Mein Cousin Ruft an.

COUSIN [Jenseits von Jedem]: „Meister, ich werde Drogendealer!“

ICH [wenig gesprächig]: „kannste damit bis heute Abend warten? Ich habe auch tolle Neuigkeiten.“
So lieblos hat noch Niemand Möbel in den ersten Stock geschleppt.

VADDA VON DER CHANTAL [aus dem Fenster]: "Chantal wird sich dann noch bei dir bedanken.“

Ich muss lachen wie ein Troll lachen würde. Muhähähä.

Die Mutter bringt mich nach Hause. Völlig durchnässt.
SMS von Denise: Ich hole dein Auto doch nicht ab.

Hört das denn nie auf? Das Schlimmste ist, ich wusste vorher schon, dass genau das passieren wird. Nichts für Draußen.

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