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Sonntag, 22. Mai 2011

Sonntag, den 1. Mai 2011 - Tanja


Am siebten Tag ruhte Gott von seiner Arbeit aus. Er sagte: „Dieser Tag gehört mir. Er ist ein heiliger Tag. Ein Ruhetag.“

Die Innenstadt schläft und nur die Kinder hört man für gewöhnlich draußen spielen. Der Sonntag in Deutschland hilft jedem zeitlos lebenden Menschen, auch ohne Kalender die Wochentage im Blick zu behalten. Hat alles geschlossen und nur die Dönerbuden laden einen zum verkaterten Schmaus von gefüllten Brottaschen ein, so kann es nur der Sonntag sein. In China allerdings nicht. Hier ticken nämlich chinesische Uhren, die ganze sieben Tage dazu einladen, jeden Tag in der Woche gleichermaßen genießen zu können. Tage, an dem einen die Milch oder Eier ausgegangen sind und nun auf den nächsten Montag gewartet werden muss, gibt es hier nicht. Supermärkte, Shoppingmalls, Einkaufspassagen, Restaurants und sämtliche Bars haben hier geöffnet. Die Menschen hier sind ausgehfreudig und beleben alle Orte einer Stadt. Ich weiß auch gar nicht, wie ich mich wieder an einen normalen Sonntag gewöhnen soll. Wahrscheinlich erwische ich mich vor verschlossenen Türen eines Supermarktes beim Kauf von Frühstückseiern.
An dem heutigen Abend sollte auch niemand von uns schlafen: M. feierte in sein neues Lebensjahr. Das heutige Motto des Abends sollte „schlaflos in Shanghai“ lauten. Morgen sei der 1. Mai, der Tag der Arbeit, und somit ein freier Tag für alle chinesischen Arbeitstiere. Bevor es aber wild werden sollte, wollten wir den Tag entspannt starten.

Wir nutzten den späten Vormittag, um ausgiebig zu Brunchen. Serviert wurde:
Leberwurst, Salami, Aufschnitt in verschiedensten Ausführungen, Käse, Frischkäse, Bockwürstchen, Eier, Nutella, Marmelade, ein paar Gemüsesorten und frisches Brot. Im Hintergrund lief brasilianischer Bossa Nova Chill Out Remix. Oft zieht es uns aber auch in die Kommune im Tianzifang, wo die besten und originellsten Sandwichs der Stadt angeboten werden. Der Besitzer des Ladens ist ein großer, blonder Surfertyp aus Australien und ich würde lügen, wenn es die ein oder andere nicht auch deswegen dort hinzieht.

Heute sollte etwas Entspanntes auf dem Plan stehen und so machten wir uns zum Century Park – dem größten Park Shanghais- auf. Das schöne an Shanghai ist, dass es der Stadt nicht an Grün fehlt. Ein Park nach dem anderen ist zu Fuß schnell zu erreichen und an vielen Orten der Stadt blüht und duftet es nach einem Meer aus Blumen. An der Metrostation ausgestiegen, erwarteten uns auch schon etliche kleine Garküchen, die sich ungünstigerweise an dem Gehweg zum Ticketschalter platziert hatten. Die Leute, die sich für die kleinen Häppchen angestellt hatten, blockierten den Weg für diejenigen, die auf dem Weg zum Ticketschalter waren und andererseits auch für diejenigen, die sich zurück zur Metrostation machten. Irgendwann hatten wir uns gegen das Gruppenkuscheln entschieden und für die Abkürzung durch die Lücke zweier Garküchen. Wir standen endlich am Eingang vor dem Ticketschalter. Die Schlange war viel zu lang und das Wetter viel zu heiß, um sich normal anzustellen. Aber ehe ich mich mit dem Gedanken abfinden konnte, stand auch schon A. mit zwei Eintrittskarten vor meiner Nase da und deutete auf den leeren Ticketschalter für körperlich Benachteiligte. Er hatte dem Ruf eines Fuchses wieder einmal alle Ehren gemacht!

Was uns auf den ersten Blick erwartete, war eine kilometerlange Wiese, die von unzähligen  “Strandmuscheln“ und Picknickdecken bedeckt und verschluckt wurde. Nur wenn man sich konzentrierte, konnte man hin und wieder einen kleinen Grashalm erkennen. Viele Familien und Pärchen kommen hier hin, um ein wenig vom hektischen Stadtleben abzuschalten. Viele von ihnen nutzen aber auch die Gelegenheit, um ihr Fotoalbum aufzupeppen, indem sie sich ein Stückchen Natur mit aufs Bild nehmen, es umarmen, küssen, streicheln oder auch platt treten. Das Blumenbeet wird schnell zur beliebtesten Kulisse, um sich mit dem schönsten Victory-Zeichen ablichten zu lassen.

Leider reichte die Zeit nicht mehr, um eine gemütliche Runde mit dem Boot zu drehen. Es ist spät genug geworden und das gemeinsame Abendessen stand unmittelbar bevor- es fehlte nur noch die Geburtstagstorte.
Die Chinesen lieben Süßkrams: von Bonbons, Gebäck, Eis bis hin zu Kuchen und Torten. Naschkatzen sind hier zu Hause und kriegen ihren Zucker weg! Besonders beliebt und variantenreich sind hier Kuchen und Torten. Kuchen in Form von Fußbällen, Hello Kitty Köpfen, Melonen und anderen Kuriositäten. Man nehme 1kg Zucker und mische es in ein einziges Kuchenstück. Manchmal sind es aber gerade die, die nach außen hin protzen die ungenießbaren Torten unter den schmackhaften. Was M.s Kuchen anbelangt, da fiel mir gleich die Hochburg aus Marshmellows und Schokolade auf. Bezahlt, verpackt und ab nach Hause, um sich noch einmal frisch zu machen.
Nun hat auch schon der wilde Part des Abends begonnen. Vorerst noch mit einem gemütlichen Beisammensein bei einem Snack im Element Fresh und später dann in einem Club, um auf M. und sein neues Lebensjahr anzustoßen. Die ein oder anderen mögen am nächsten Morgen nicht mehr wissen, was sie sich den Abend zuvor bestellt hatten. Um allen Anschein zu vermeiden: ich bestellte ein Steak Sandwich.

Es ist immer etwas los in der “Stadt über dem Meer“. Es gibt keinen Tag, an dem nicht irgendwo ein Reissack umfällt. Am Mittwoch würde auch schon mein Bruder zu Besuch kommen – nur noch 3 Tage vor dem nächsten großen Sturm.
上海欢迎你!

Samstag, 21. Mai 2011

Samstag, den 30. April 2011 - Tanja

Der Samstag begann mit einem „Frühstück“ im Abbey Road. Serviert wurden zwei Schnitzel pro Teller mit wahlweise Rösti, Wedges, Spätzle, Pommes oder Salat. Nicht zu vergessen, die Pilzrahmsauce für all die, die sich nichts aus weiteren 300 Kalorien machen. An dem heutigen Samstag sollte es nach Zhujiajiao gehen – eine beschauliche Wasserstadt, die leicht an Venedig erinnert. Da ich bereits davon ausging, dass es dort nichts Kaubares für meinen westlich antrainierten Gaumen gäben würde, wollte ich provisorisch vorsorgen. Selbst jemand mit einer bereits sinisierten Zunge, sollte an derartigen Orten vorsichtiger sein. Heute ist ein ziemlich heißer Tag gewesen und wer weiß, wie lange die Baozi bereits an der Sonne brutzelten und vor sich hin verdunsteten.

Auf lange und stickige Busfahrten hatten wir ebenso weniger Lust und da das Taxifahren in China ohnehin einen Apfel und ein Ei kostet, hatten wir uns für die bequemste Art entschieden. Es war unser Glück, dass der Taxifahrer sein lukrativstes Geschäft des Tages in uns witterte. Auf dem Hinweg zum Abbey Road bot er uns eine Hin- und Rückfahrt an und obendrauf würde er sogar auf uns warten. Abgemacht! Er lachte und wir freuten uns über diesen Extraservice.

Die Hinfahrt dauerte etwa eine Stunde und kostete uns insgesamt 230 RMB (ca.25 Euro). Auf der Autobahn bemerkte ich, dass sich meine Strickjacke in der Tür verfing und ¼ der Jacke nun aus dem Auto hing und durch die Luft wedelte. Bemerkt hatte ich es aber erst, als ich mich für ein Nickerchen zu Recht legen wollte. Es klappte aber auch mit Bewegungseinschränkung, auch wenn ich mir den Rest der Fahrt anders vorgestellt hatte. Ursprünglich ginge ich vom Folgenden aus:
Einsteigen – Small Talk – Nickerchen – aufwachen – uns absetzen – aussteigen.
Die Realität sah aber folgendermaßen aus:
Eingestiegen – eingeschränkte Bewegungsfreiheit – Nickerchen – aufgeweckt worden – verfahren – Missverständnis – verfahren - verfahren – am richtigen Ort vorbeigefahren –Missverständnis – verfahren –umgedreht- angekommen- 230 RMB- ausgestiegen.
Welch ein Maleur! Zum Ende der Fahrt konnte ich mir sogar eine Handvoll Straßennamen merken. Das schaffte ich noch nicht einmal nach 4 Monaten in Peking.
Andererseits hatten wir auch Glück im Unglück: Das ständige Verfahren half uns die Zeit hinauszuzögern, die uns sowohl das Eintrittsgeld (freier Eintritt ab 16:00 Uhr) als auch den Touriauflauf ersparte. Ich bin mir sicher gewesen, wären wir einige Zeit früher angekommen, dann hätte ich mehr Köpfe als Wasser vor der Linse gehabt - Schnitzel und lästige Taxifahrt sei Dank aber nicht!

Einen Spaßverderber hatten wir dennoch im Boot sitzen– die stechend heiße Sonne. Das Wetter wurde unerträglich und die schmalen Gehwege und Gassen wurden zu stickigen Saunabuden. Die Gerüche verschiedenster Garküchen verschmolzen hier miteinander und wäre da nicht der Stinketofu, der dem unausweichlichen Gestank seine gewisse Note dazu verlieh, wäre das Ganze auch kein Problem gewesen. Auf der Suche nach einem Zufluchtsort, hatten wir uns dummerweise verlaufen und es hatte uns ein wenig Zeit gekostet wieder zurückzufinden.
Nach zwei Stunden hatte es uns dann aber auch gereicht. Zhujiajiao ist zwar ein interessantes Plätzchen, unterscheidet sich allerdings nicht groß von anderen touristischen Orten in China, wenn da nicht das Wasser und das venedische Flair wären.

Ich hatte meine Erkältung zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich auskuriert und es wurde auch Zeit wieder zurückzufahren. Der Samstag endete für mich ungewöhnlich früh, als ich auf der Wohnzimmercouch einschlief, während A. noch munter Fußball schaute. Es stand 4:1 für den FC Bayern München.

Freitag, 20. Mai 2011

Freitag, den 29. April 2011 - Tanja


Ausgerechnet in der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag hatte ich fleißig Bazillen gezüchtet. “Friday I’m in love“ von The Cure sollte nicht die heutige Parole des Tages werden. Der Arbeitstag war unerträglich! Die Nase lief, die Augen brannten und ich fühlte mich wie ausgespuckt. Das pausenlose Starren auf den Bildschirm verschlimmerte meinen Zustand zugleich. Jeder, der schon einmal auf die dumme Idee gekommen ist, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen, weiß wovon ich spreche. Ans nach Hause gehen, dachte ich allerdings nicht. Erstens sehe ich mich als Kämpferin und zweitens wollte ich nicht einen meiner zustehenden Urlaubstage verlieren. Außerdem war es ein Freitag und ich konnte mich am Wochenende auskurieren- so sei der Plan.
Das Gerücht, dass Chinesen angeblich kein Zewa beim Putzen der Nase benutzen, ist tatsächlich wahr. Zewa gibt es hier nicht, stattdessen aber Taschentücher ähnlicher Marken, die denselben Zweck erfüllen. Die Zeiten, in denen der Schnodder die Nase hochgezogen wird, sind passé. Der moderne Chinese von heute schnupft in Taschentücher.

Die Geschehnisse in Libyen waren auch Thema in China. Anders als bei den Ausschreitungen in Ägypten, konnte man die Vorfälle in Libyen in allen öffentlichen Medien kontinuierlich nachverfolgen. Was aber vor und an dem 11. Februar 2011 in Ägypten vorgefallen ist, darüber waren nur wenige Chinesen mit Zugang zu ausländischen Medien informiert. In den Zeitungen konnte man nichts darüber lesen. Die Regierung hatte hier anscheinend zwischen Freiheitskämpfern und aufständischen Rebellen unterschieden und man sortierte dementsprechend all’ die Nachrichten aus, die einen schlechten Einfluss auf das Volk und Land haben könnten. Einen Aufstand hätte es angeblich auch in Shanghai und Peking gegeben. Die chinesische Regierung hatte aber jegliche Proteste innerhalb von wenigen Minuten aufhalten können und gemerkt hatte es somit niemand. Was Libyen anbelangt, so hatte die chinesische Presse den Eingriff der Nato stark kritisiert.

Nach 8 Stunden permanent laufender Nase und 8 x 10 aufgebrauchten Packungen Taschentücher, konnte ich mich endlich auf dem Weg nach Hause machen. Für größere Akrobatik am Abend war ich nicht zu haben. Nur gut, dass es M. ebenso erging und wir verabredeten uns auf einen Kaffeeklatsch in der Captain’s Bar.
M. ist ein guter Freund von mir. Er studiert mit mir zusammen in Bremen und seit neuestem verkauft er auch Spezialfolie an wichtige Kunden in ganz Shanghai. Sein treuester Freund und Wegbegleiter? Sein Koffer. Und auch sonst ist er ganz dufte – ob mit oder ohne Alufolie im Schlepptau.
M. bestellte einen Salat und ich 0.5 Liter Draft Beer. Bedient wurden von Sailor Moon höchstpersönlich. Den Mondstein haben wir nicht fliegen sehen, aber dafür wissen wir jetzt, was Sailor Moon unten drunter trägt. Zwar ist die Captain’s Bar nicht mit einer Bar Rouge gleichzusetzen, dennoch gehört sie zu den Bars mit einem der besten Ausblicke auf den Pudong.
Die Unterhaltung mit M. ließ meine Erkältung in Vergessenheit geraten. Selbst die Strumpfhose, die ich mir in einem unvorsichtigen Moment beim Sichern der Pole Position auf das Panorama an der Tischkante zeriss, ließ mich zunehmend kalt.
Sailor Moon hatte für einen glorreichen Abend gesorgt, auch wenn der Tag zunächst unglücklich gestartet ist.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Donnerstag, den 28. April 2011 - Tanja

Der gestrige Abend hatte seine Spuren hinterlassen. Meine Füße schmerzten und die Hacken waren rot und aufgeratscht. Pumps waren heute nicht mehr drin und so hatte ich mich nach dem anstrengenden Abend in hohen Schuhen und schmerzenden Füßen für die bequemere Variante – den Chucks – entschieden.

Super lässig ging ich zur Arbeit. An der Ampelkreuzung traf ich dann E., eine Arbeitskollegin von mir. E. sitzt an dem Schreibtisch neben mir und wenn sie gerade ’mal nicht damit beschäftigt ist, ihre Finger Wund zu tippen, dann spricht sie über Schokolade oder Spielekonsolen. Durch sie habe ich beispielsweise mein Horizont in Punkto Videospielen, Cheats und Schokoladensorten erweitert. Normalerweise kennt man sie als die Überpünktliche. Heute hatte sie sich verspätet, weil sie die Nacht über durchgezockt hatte. Die Zeit reichte noch nicht einmal für ein Frühstück von McDonalds, was sie für gewöhnlich zu sich nimmt. Bei dem besagten Frühstück handelt es sich um ein komplettes Menü mit Burger, Chicken Nuggets, große Portion Pommes und Kaffee. Weil die Zeit heute nicht mehr reichte, hatte sie sich stattdessen mit ein paar Knabbereien und Frühstück in einem Drogeriemarkt für den heutigen Tag ausgestattet. Zwei ganze Tüten voll! Ich fand die Menge so unglaublich, dass ich es mir nicht verkneifen konnte, ein paar Scherze darüber zu machen. Genial, zu was der Verdauungstrakt von E. alles in der Lage ist!

Heute war wieder mächtig was los auf der Arbeit. Man merkt aber sofort, wenn jemand Langeweile im Büro hat. Entweder man nimmt den kurzen Weg auf sich und bedient sich im 2-Minutentakt am Wasserspeicher oder man geht regelmäßig auf die Toilette, um nicht mit beiden Augen einzuschlafen. Einige starren die ganze Zeit wie hypnotisiert die Wand an oder stöbern in alten und bereits bearbeiteten Anfragen herum. Irgendwie muss man die Sekunden und Minuten ja füllen. Was die Internetnutzung bei einer freien Minute angeht, darf man es ausdrücklich nur für die Suche nach Anbietern oder für das Nachschlagen von Vokabeln oder ähnliches verwenden. An einigen Computern wurde sogar das Internet komplett abgeschaltet. Ich habe so einen Computer. Zufall?!

Auf dem Weg zum Mittagessen sah ich vier ältere Chinesen in einer kleinen Schubkarre sitzend Karten spielen. Um diese Uhrzeit sieht man viele solcher Arbeiter, die eine kleine Verschnaufpause einlegen. Manche von ihnen nutzen ihre Schubkarre, um ein kurzes Nickerchen abzuhalten, manche lesen Zeitung und manche wiederum spielen Karten und pfeifen hübschen, jungen Chinesinnen hinterher, wie die von heute. Die Guangxibei Road ist der Inbegriff für Skurrilität. Hier habe ich schon Mütter gesehen, die ihre Kinder zum Geschäftverrichten auf die Fahrstraße setzen oder Omas, die Taucherbrillen zum Schutz gegen die Sonne tragen. Hier könnte ich mich auch problemlos in eine Schubkarre setzen und 24 Stunden lang die verdrehte Welt der Guangxibei Road beobachten.

In der Zeitung standen einige Berichte zu Amy Chua – auch bekannt als die Tigermutter - die mit ihrem Buch über chinesische Kindererziehung weltweit für Aufsehen und Aufregung gesorgt hatte. Mir waren die Unterschiede zwischen den chinesischen und westlichen Vorstellungen von Kindererziehung schon längst bekannt. Ich hatte zuvor in Peking studiert und weiß erfahrungsgemäß, was es heißt gedrillt und unter Druck gesetzt zu werden. Aus Neugier hatte ich später ein paar meiner Arbeitskollegen gefragt, was sie von einer rigiden und disziplinierten Drillerziehung halten. Ich war erleichtert, dass es immerhin eine gab, die diese Art von Kindererziehung nicht befürwortete.

Ein weiteres Gespräch führte ich später mit E.. Dieses Mal ging es um ihren Messebesuch in Guangzhou. Hier treffen sich Besucher aus aller Welt, Festlandchinesen wie auch Hongkongchinesen. Jedoch war ich erstaunt darüber, als sie mir berichtete, dass man ihr als Festlandchinesin den Zugang zu einigen Erholungsräumen und Ständen verweigerte. Auch Rabatt auf Mittagsmenüs gab es anscheinend nur für Ausländer und Chinesen mit einem Hongkongpass.

Zum Ende des Abends fühlte ich mich nicht gut. Meine Nase lief und leichte Kopfschmerzen plagten mich ebenfalls. A. hatte mich scheinbar angesteckt. Den Kochlöffel hatte ich heute in der Schublade gelassen und alles zu was wir heute noch in der Lage waren, war das Wählen der Tastenkombination des Pizza Hut Lieferservices. Einmal Käse-Salami Pizza, bitte! Aber “kuai yidian“!

Mittwoch, 18. Mai 2011

Mittwoch, den 27. April 2011 - Tanja

Heute bin ich eine Minute zu spät gekommen. Es war 9:01 Uhr und ein paar zerquetschte Sekunden als ich durch die Bürotür stürmte. Die ersten starrten mich bereits wie einen Schwerverbrecher an. Ihr empörter Blick wanderte zunächst zu mir und im nächsten Moment zur Wanduhr, die über dem Wasserspeicher hing. Es signalisierte mir, dass es sich nicht gehören würde und ich Scham empfinden sollte. Wenn die Leute, die im 2 – 4 Stock arbeiten, auch die Treppen anstelle vom Fahrstuhl nehmen würden, dann A) wären sie schneller am Arbeitsplatz B) hätten die anderen Leute im Fahrstuhl mehr Luft zum Atmen und C) wäre ich pünktlich gewesen. Gedanken, die ich lieber für mich behalten habe.

An meinem Platz wurde ich gleich mit einem ohrenbetäubenden Rülpser begrüßt. Es ist nichts Ungewöhnliches hier. Es gehört zu meinem Arbeitsalltag wie das tägliche Kommunizieren mit den Lieferanten. In der Abteilung, in der ich arbeite, bin ich die einzige Ausländerin. All die kulturellen Unterschiede am Arbeitsplatz, die man zuvor nur aus Büchern oder Medien kannte, kann man hier hautnah erleben. Manchmal zu seiner Freude und manchmal auch zu seinem Ärgernis. Chinesen leben nun einmal, um zu arbeiten. Es ist ruhig und man geht seiner Arbeit nach. Smalltalk wird ungern miteinander geführt, weil es die Chefin mitkriegen könnte. Man muss permanent den Eindruck schinden, man sei beschäftigt und man tut etwas. Es herrscht ein gewaltiger Druck unter den Mitarbeitern und Überstunden werden als etwas Selbstverständliches angesehen. Ich verhalte mich angemessen, aber spiele nicht die Marionette. Solange man seiner Arbeit nachgeht und sie nicht vernachlässigt, ist auch ’mal ein kleines Gespräch oder ähnliches drin. Über einige Dinge muss man dann aber auch schmunzeln. Eine generelle Kleiderordnung herrscht nicht wirklich. Jeder kann zur Arbeit kommen, wie er möchte. Es würde sogar niemanden wundern, wenn man mit einem Pyjama ankäme. Auch sieht man Frauen, die knappe Höschen tragen, bei denen die Pobacken halb rausgucken. Heute zum Beispiel kam mir eine entgegen, die mit Hausschuhen durch die Gänge spazierte und das Büro zu ihrem eigenen Wohnzimmer machte. 

Als ich mich nach Feierabend mit A. am Lujiazui auf einen Kaffee im Starbucks treffen wollte, bin ich an einem kleinen Supermarkt vorbeigegangen. Ich sah eine aufgestapelte Pyramide aus Weißkohl. Die China Daily berichtete heute noch, dass chinesische Kohlanbauer in diesem Jahr einen schweren Verlust erleiden, da die Preise enorm gesunken sind und sich der Kohl nur schwer verkaufen lässt. Ich hatte mich gefragt, wie viel russische Bortschsuppe ich nur daraus machen könnte und ob ich nicht morgen noch einmal mit einer Schuppkarre vorbeikommen sollte.
Ich hatte noch ein paar Fotos vom Bund gemacht, bevor ich A. abgefangen habe. Wir trinken oft und gerne einen Kaffee am Lujiazui und betrachten dabei das einmalige Panorama des Bundes – die Flussseite, die für seine zahlreich historischen Gebäude aus der Kolonialzeit bekannt ist und von der man das berühmt berüchtigte Panorama des Pudong bewundern kann. Die Sonne ging unter und ich hatte Hunger bekommen. Wir entschlossen im Blue Frog essen zu gehen. Montags kann man hier die besten, außergewöhnlichsten und schmackhaftesten Burger in ganz Shanghai finden. Da heute aber Mittwoch war, entschied ich mich für eine Pasta. Welch Zufall, dass wir noch die Happy Hour erwischten. “Buy one – get one free“, ließ uns der Kellner wissen. Und so sah man vor lauter Biergläser das eigene Essen nicht mehr. Wir hatten uns Heineken bestellt. Wir schmeckten sofort den Unterschied zum chinesischen Bier heraus: es schmeckte einfach herber, frischer und zeigte schneller seine Wirkung.

Das Ende des Abends war weniger prickelnd. Gegen 21:00 Uhr verließen wir Blue Frog und erst gegen 23:30 Uhr erreichten wir das Apartment. Schuld daran waren meine Blase und die zweistündige Suche nach einem Taxi. Die Strassen waren wie verhext. Nur wenige Taxis fuhren und wenn wir eins aufhalten konnten, dann mochten sie unsere Fahrtrichtung nicht. Nur selten erwischt man solche Tage, denn normalerweise gibt es hier Taxis wie Sand am Meer. Unser erster großer Fehler war, sich an einem Taxistand nicht angestellt zu haben. A. und mir war die Schlange zu lang und obendrauf hatten wir es auch immer ohne geschafft. Zwei Stunden sind wir rumgeirrt und hofften bald ein Taxi zu erwischen, aber immer wieder fuhren sie an uns vorbei oder wir sind im 5- Minutentakt ins IFC Building zurückgelaufen, um Wasser zu lassen. Meine Augen wurden immer schwerer und die hohen Schuhe brachen mir bereits beinahe alle Zehen. Letztendlich entschlossen wir uns die Mission abzubrechen und die nächste, vollbesetzte Metro zu nehmen. 

Zu Hause angekommen, war ich noch nicht einmal mehr in der Lage mir ein Leberwurstbrot zu schmieren. Ich war ein wenig angefressen, erschöpft und wollte nur noch ins Bett fallen. Ich kannte diese Tage noch aus Peking, wenn man in Xidan einkaufen ist und es plötzlich anfängt zu regnen. Taxis fuhren nicht und wenn, dann nur zu Wucherpreisen.
Der Tag endete und ich schlief mit dem Gedanken ein, dass mein Bruder bereits in Hongkong gelandet sein müsste.

Dienstag, 17. Mai 2011

Dienstag, den 26. April 2011 - Tanja

Es ist ein Dienstag- und somit auch wieder der richtige Fuß!

Wache Augen, spitze Ellenbogen und zwei gute Standbeine hatte ich auch heute auf dem Weg zur Arbeit gebraucht. Am Morgen die Metro in Shanghai zu nehmen ist wie 1. Reihe Hatebreed Konzert. Da wird gedrängelt, geschubst, die Ellenbogen gespitzt, Kopfnüsse verteilt und geschwitzt.


Es war 8:30 Uhr als ich die Treppe zur Metro hinunterging. Hier trifft sich die arbeitstüchtige Ameisenkolonie. An den meisten Tagen ist man es bereits gewohnt in der Menschenmasse zu versinken, aber es gibt wiederum auch Tage, an denen man am liebsten einen Stacheldrahtzaun um sich herum binden würde. Heute zum Beispiel war so ein Tag. Wir standen mittig der “Warteschlange“. Vor uns und neben uns standen mindestens 20 Leute, die nur hektisch darauf warteten, sich in die nächste Metro zu quetschen. Einige von ihnen knurrten bereits und knirschten mit den Zähnen. Ich hatte mich gefragt, wie viele wohl von ihnen in die nächste Metro passen würden und wann wir an die Reihe kommen. Ich hatte fälschlicherweise auf zwei bis drei Fahrten getippt.


Ich sah zur Tür und konnte es mal wieder nicht fassen wie viele von ihnen letztendlich doch noch in die bereits komplett überfüllte Metro passten. Als sich die Tür öffnete, wurden die vordersten Leute mit einer gewaltigen Wucht aus der Metro hinausgeschleudert, ähnlich wie angesammeltes Stauwasser, das bei einem gebrochenen Damm herausströmt. Während die einen rausdrücken, stürmen die anderen gleichzeitig rein. Ein bitterer Kampf durch das Dickicht, was sich Chaos pur nennt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es passen nur noch zwei Leute hinein. In Shanghai werden aus zwei gleich mindestens 10 - und dann steht man da wie die Hühner auf der Stange: wie angewurzelt, Hintern an Hintern, Haut an Haut und das Atmen fällt einem schwer. Anfangs nahm man das ganze noch mit Humor und Geduld. Aber wenn man diesen Krieg täglich mitmachen muss, dann kommt man an einen Punkt, der sich Fassungslosigkeit und Unfassbarkeit nennt.


Generell ist auf folgendes zu achten:




1. Lass die Höflichkeitsfloskeln und spiele mit chinesischen Karten.


2. Nimm die erste Metro, die du kriegen kannst.


3. Glaube niemals, es würde bei der nächsten Fahrt leerer werden.


4. Warte nicht, bis alle Fahrgäste draußen sind. Schwimme mit dem Strom und ggfs. auch gegen den Strom. Vergiss aber nie die Ellenbogen!


5. Sichere dir möglichst einen Platz an der Tür.


6. Gehe niemals zu weit rein, ansonsten kommst du nicht mehr raus.


7. Hast du einen Platz gefunden, schlüpfe in die Rolle des eisernen Felsen in der Brandung.


8. Trage niemals helle geschweige denn weiße Schuhe, es sei denn du wolltest sie ohnehin schwarz färben lassen.


9. Möchtest du nicht gerupft werden, trage möglichst einen Pferdeschwanz und selten die Haare offen.


10. Trägst du eine Strumpfhose, habe stets eine Ersatzstrumpfhose dabei.


11. Stehe niemals in der Mitte eines Ganges. Es wird Ping Pong mit dir gespielt.


12. Beim Aussteigen gilt es Zähne zu zeigen und Ellenbogen zu nutzen.


13. Niemals langsam aus der Metro gehen, ansonsten überrollt dich die Lawine von hinten.




“Da Shijie dao le“ – hier muss ich aussteigen. Es ist immer dasselbe Verhalten. Kaum öffnet sich die Tür und alle wollen die oder der erste an der Rolltreppe sein, ob man nun jemanden umfährt oder auch nicht. Das Verhalten ähnelt einer Schar von Mäusen, die Käse gewittert haben und instinktiv dem Geruch folgen. Wozu die ganze Hektik?! Am Ende ist keiner schneller als der andere, ob man nun wie verrückt gehetzt ist oder in Ruhe die Rolltreppe genommen hat, denn oben angekommen bildet sich auch schon die nächste Warteschlange.


Es war ohnehin ein sehr heißer und sonniger Tag. Ich hätte mir bloß keine Jeans anziehen sollen! Am Fahrstuhl zum Büro erwartete mich die nächste Ladung Gruppenkuscheln. Wieder musste gequetscht werden und wieder stand man mit 20 Leuten in einem Raum, der für mein Befinden gerade einmal groß genug für 8 Personen ist. Hätte meine Nase gejuckt, hätte ich noch nicht einmal den Arm heben können, um mich zu kratzen. Ich war genervt. Der Fahrstuhl hielt zu meinem Ärger auch noch an jedem Stock. Im 16. Stock angekommen klebte meine Jeans bereits wie eine zweite Haut an meinem Körper. Ich brauchte wieder Platz, frische Luft und einen Ventilator, um wieder runterzukommen!


Um Punkt 18:00 Uhr endete der Arbeitstag für mich. Ich fuhr nach Hause und das um weiten entspannter als am Morgen - auch wenn der ein oder andere mir wieder auf die Füße getreten ist. Heute war der letzte Shanghaier Abend für die Jungs. Geplant war ein letztes großes gemeinsames Abendmahl, was letztendlich doch im kleinerem Rahmen stattgefunden hat. Es war wohl ein Glas Pflaumenwein zu viel gestern! Oder doch 10?! Auf jeden Fall sind wir ins beschauliche Las Tapas gegangen – kleine spanische Häppchen für viel Geld. Die Jungs sahen sichtlich angeschlagen aus und ich hatte mit einem ruhigen Abschiedsabend gerechnet.


Schließlich landeten wir doch noch in einem Club. Alles hatte angefangen mit einem Konterbier, den U. ausrief, und der wachsenden Motivation für ein weiteres Bier auszugehen. Während Y. und U. sich noch zurückgehalten haben, nahmen C. und S. wieder ihre alte Gestalt an und besorgten sich Free Flow Bändchen für die noch bevorstehende lange Nacht. Ich bin nicht der geborene Tanzbeinschwinger – nur an exzellenten Orten mit exzellenter Musik. In einem gewöhnlichen Club hingegen findet man mich immer in einem guten Abstand zur Theke, von wo aus ich den besten Blick auf den bunten Zoo habe. Hier findet sich so einiges wieder:


Die Sträuße, die, wenn sie zu tief ins Glas geschaut haben, den Kopf in die Toilette halten.


Die Pfauen, die Art von Vögeln, die es sich auf den teuren Couchecken gemütlich machen und durstige Weibchen mit ihrer Schleppe aus Geldfedern anlocken.


Der Nimmersatt, der gezielt nach seinem westlichen Fang sucht und seine Beute im richtigen Moment abfängt.


Die Stachelschweine, die tagsüber unscheinbar sind und erst zur Dämmerung aus ihrem Bau hervorgekrochen kommen, um sich auf die Suche nach Futter zu machen.


Der Papagei, der viel Aufmerksamkeit braucht und allen anderen Vögeln die Show stehlen will.


Der Schluckspecht, der es sich an der Theke gemütlich macht.


Und nicht zu vergessen die platinblonden Gogo-Dancerinnen.


Vermutlich waren A. und ich die einzigen Arbeitstiere im heutigen Zoo, die am nächsten Tag schon früh aus dem Haus mussten. Wir hatten uns von den anderen verabschiedet und machten uns auf den Heimweg.

Montag, 16. Mai 2011

Ostermontag, den 25. April 2011 - Tanja

Es ist Montag – Mist! – und morgendlich grüßt der falsche Fuß, mit dem man aufsteht. Wenn man arbeitet, dann weiß man insbesondere das Wochenende zu schätzen und den Montag zu hassen.
Zu dem kam hinzu, dass es sich bei dem besagten Montag um einen Ostermontag handelte und meine Ostereier ausblieben. Ich bin, lebe und arbeite in China – christliche und deutsche Feiertage interessieren hier nicht wirklich. Die meisten Chinesen sind Buddhisten oder nicht religiös. Einige westliche Feiertage wurden zwar „eingebürgert“, aber was Ostern in China angeht, so sollte man die im Sojasud eingelegten und schwarz gefärbten Eier im Supermarkt nicht mit Ostereiern verwechseln.

Auf dem Weg zur Arbeit machte ich einen kurzen Stopp am Zeitungsstand. Für umgerechnet 30 Cent stattete ich mich mit Zeitungen aus, mit denen ich meine Zeit im Büro irgendwie nützlich absitzen wollte. Ich wusste, es würde kein spektakulärer Arbeitstag werden, denn schließlich hatten alle deutschen Büros geschlossen und neue Aufträge blieben dementsprechend aus. Es ist keine Seltenheit, dass ich mir chinesische Zeitungen kaufe. Warum kaufe ich mir bloß “so einen zensierten Müll“, werde ich oft gefragt. Jeder hört und liest von Chinas Zensuren, aber wer, wenn nicht der mit dem direkten Vergleich vor Ort, kann einem wirklich sagen wie viel Zensur nun wirklich dahinter steckt?
Am Zeitungsstand wurde ich gleich wieder auf meine Nationalität angesprochen.
“你是哪里人?“
“您猜猜!“
“法国人!“
Wieso denn immer Frankreich? Macht es mein blau-weiß gestreiftes Oberteil aus? Ist es das Stückchen Baguettebrot, das mir noch vom Frühstück zwischen den Zähnen hängt? Jedenfalls ging mir die Sache den ganzen Tag lang nicht aus dem Kopf. Seitdem ich in Shanghai lebe, wird mir Frankreich nachgesagt. In Peking war es Russland, was schon offensichtlicher ist. Aber aus Deutschland?! Niemals. Die Begründung dafür wird zum Schutz von Volk und Staat zensiert.
Jedenfalls fällt es den Chinesen ebenso schwer einen Deutschen von einem Engländer wie es für viele Europäer schwer ist einen Koreaner von einem Japaner oder Chinesen zu unterscheiden.

 Auf der Arbeit angekommen, klappte ich auch schon die erste Zeitung auf. Die Japan-Katastrophe scheint in Vergessenheit zu geraten. Selbst in den Zeitungen kräht kein Hahn mehr nach. Ein kleiner Artikel mal hier und dort. Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen die Zeitungen über Panikkäufe von Salz in China berichteten und dazu führten, dass ganze Salzsortimente innerhalb eines Tages in Shanghai ausverkauft waren. Nun konzentriert man sich wieder auf Inlandsthemen. Schlagzeilen des Tages waren Befunde von toxischen Inhaltsstoffen in Nudeln, die in einigen Provinzen zu Massenvergiftungen geführt hatten und die Debatte um den Verzehr von Hundefleisch in China. Hier gehen Meinungen auseinander. Ich habe noch nie Hundefleisch gegessen und werde es auch nicht tun. Wir sind in einem Land groß geworden, in dem der Hund als ein intelligentes Wesen die Rolle des besten Freundes eines Menschen eingenommen hat. Aber die Chinesen dafür zu kritisieren halte ich ebenfalls für falsch. In einigen Regionen Chinas wird Hundefleisch schon seit Jahrhunderten gegessen. Chinesen sind nicht gleich schlechtere Menschen, weil sie andere und für uns fremde Essgewohnheiten haben. Chinesen essen kein Pandafleisch. Australier hingegen essen ihr stolzes Nationalsymbol. In Frankreich essen sie Froschbeine, in Thailand Insekten und in Deutschland isst man rohes Fleisch in Form von Mett. Alles Dinge, die bei Chinesen ebenfalls für Stirnrunzeln sorgen.

Mein Arbeitstag beginnt um Punkt 9:00 Uhr, früher gerne aber nicht später. Gearbeitet wird auf die letzte Sekunde, bis der kleine und große Zeiger auf 18:00 Uhr stehen. Überstunden sind jederzeit willkommen. Zwischen 12:00 und 13:00 Uhr hat man Mittagspause. Ich las 3 Stunden an der ersten Zeitung bis der Sekundenzeiger auf 12:00 Uhr stand. Wie immer treffe ich mich zum Mittag mit A. beim Türken um die Ecke. Kervan Türk heißt das gute Restaurant, welches man nicht mit dem Dönermann an der nächsten Seitenstraße verwechseln sollte. Ich bestellte mir wie so oft mein Hühnchensteak mit türkischem Reis und Salat. Das extra Fladenbrot und den Tzaziki bekommen wir bereits kostenlos dazu.
Heute sah man ungewöhnlich viele Chinesen im Restaurant. Normalerweise gehen hier Ausländer ein und aus. Ein Mittagstisch kostet hier 35 RMB (ca.4 Euro).
Meine Arbeitskollegen sagen mir immer, dass man mit 35 RMB etwa 3-4 Tage über die Runde kommen würde, wenn man mittags in den kleineren chinesischen Restaurants nebenan essen würde. Außerdem sagten zwei meiner Arbeitskollegen, die aus Neugier einmal mit mir mitgegangen sind, es sei eine viel zu große Umstellung für sie hier zu essen. Es sei ruhig, geordnet, sauber und modern eingerichtet – das absolute Gegenteil zu dem, was sie gewohnt waren. Vor dem Besteck fürchteten sie sich am meisten. L. kullerten bereits bei dem bloßen Anblick des Bestecks und der verzweifelten Suche nach zwei Holzstäbchen die ersten Schweißtropfen die Stirn herunter. In der Tat sah ich auch an diesem Tag einen Chinesen mit dem Suppenlöffel ins Brot stechen. Mit der Gabel könnte man noch umgehen, aber welchen Zweck das Messer haben soll und wie man es zu halten hat, das bleibt ein großes Rätsel für jemanden, der nicht oft westlich essen geht. Ich musste schmunzeln. Meine ersten Essstäbchenversuche sahen mit Sicherheit nicht anders aus. Die Stäbchen wollten nicht miteinander harmonieren, man griff ins Leere und der Reis blieb entweder in der Schale oder verlor sich zu 60 Prozent auf dem Boden. Ich stellte mir die Szene mit Uma Thurman aus Kill Bill vor, in der sie verzweifelt versuchte aus einer Reisschale mit Stäbchen zu essen.
Gegen 12:45 Uhr ging es wieder zurück ins Büro, wo ich noch bis 18:00 Uhr absaß.
Dann ging es mit der Metro in Richtung Apartment, in der mich A. schon abfing.
A. hatte noch Besuch aus Deutschland. Er hatte sich die letzte Woche komplett frei genommen, um seinen vier Schirikollegen eine unvergessliche Zeit in Shanghai zu bieten. Ein Plan, der auf ganzer Linie aufging.
Heute aber war der 8. Tag. Der 8. von insgesamt 10 und somit auch der letzte Abend, an dem noch hochmotiviert die Gläser gestemmt wurden. Ich hatte nur selten solche Spriteulen erlebt. Gespannt wartete ich auf den Tag, an dem die Jungs an die Grenzen ihrer Trinkfestigkeit stoßen. Ich hätte es ahnen können, dass es der heutige Tag werden müsste.
Auf ihren Wunsch hin, gingen wir zum gemeinsamen Abendessen ins Teppanyakihaus. Wer die völlige Völlerei und den darauffolgenden Knock-Out sucht, ist hier an der richtigen Adresse (15 Dongping Lu,东平路15号). Japanischer Pflaumenwein wird im Laufe des Abends zum Wasser und Durstlöscher zugleich. Wir hatten einen eigenen Raum mit Chefkoch bekommen. Auch V. und E., dass etwas versnobte Pärchen aus München saßen bei uns am Tisch. Norddeutschland traf auf Süddeutschland – die Klischees hätten nicht besser passen können.
E. fiel uns allen von Anfang an auf. “Ist das etwa Gemüse? Ich mag aber kein Gemüse!“, wie ein kleines Kind, das von seinen Eltern gezwungen wird Grünzeug zu essen. Ich hatte mich durchweg von einem Moment zum anderen fremdgeschämt. Ob es das Gespräch war, in dem es darum ging, wer denn nun das meiste Geld aus dem Freundeskreis hat oder die Sektflasche, die sich Madame E. für sich bestellt hatte und alles andere als in das Gesamtbild passte. V. nannte sie auch seine “Stewardess, die Internationale Kommunikationswissenschaften studiert“. Die Betonung lag auf INTERNATIONAL – klingt besser. Außerdem studiert er Jura in München. In MÜNCHEN. JURA.
Auf jeden Fall war ein Gespräch mit den beiden nicht zu vermeiden. Beide waren der chinesischen Sprache nicht fähig und die Bedienung konnte ein nur zu schlechtes Englisch.
So mussten A. und ich den beiden bei ihrer exklusiven Bestellung weiterhelfen.
Y. machte den ersten Schritt und lockerte die Gespräche auf: „Ihr nennt uns also Fischköpfe da unten, was?“ (Zustimmung und Gelächter ihrerseits) „Wir nennen euch Brezelfresser!“ (Gelächter unsererseits). So nahmen die Gespräche ihren Lauf und der Pflaumenwein wurde immer großzügiger nachgegossen. Das gefällte E. gar nicht, denn V. versuchte selbstverständlich die Münchner Trinkfestigkeit unter Beweis zu stellen. Und E.? Sie sah mit jedem weiteren Pflaumenwein auf Ex ihren glamourösen Abend in der Nobeldisco schwinden. Der Japaner hatte offiziell schon geschlossen und gegen 23:00 Uhr waren wir Acht die noch einzig verbliebenen Gäste im Restaurant. Wir bedienten uns selber und der Kellner machte währenddessen ein Nickerchen im Nebenraum. Schließlich gab V. auf und wir konnten das Teppanyakihaus gegen Mitternacht verlassen.
An dieser Stelle trennten sich auch die Wege. Die Jungs fuhren weiter in den Club und A. und ich stiegen ins nächste Taxi in Richtung Apartment. Um 7 Uhr morgens würde für uns der Wecker zur Arbeit klingeln.
Ob sich die Jungs mit dem Pflaumenwein schon ins Abseits geschossen haben?!