Freitag, 20. Mai 2011

Freitag, den 29. April 2011 - Tanja


Ausgerechnet in der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag hatte ich fleißig Bazillen gezüchtet. “Friday I’m in love“ von The Cure sollte nicht die heutige Parole des Tages werden. Der Arbeitstag war unerträglich! Die Nase lief, die Augen brannten und ich fühlte mich wie ausgespuckt. Das pausenlose Starren auf den Bildschirm verschlimmerte meinen Zustand zugleich. Jeder, der schon einmal auf die dumme Idee gekommen ist, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen, weiß wovon ich spreche. Ans nach Hause gehen, dachte ich allerdings nicht. Erstens sehe ich mich als Kämpferin und zweitens wollte ich nicht einen meiner zustehenden Urlaubstage verlieren. Außerdem war es ein Freitag und ich konnte mich am Wochenende auskurieren- so sei der Plan.
Das Gerücht, dass Chinesen angeblich kein Zewa beim Putzen der Nase benutzen, ist tatsächlich wahr. Zewa gibt es hier nicht, stattdessen aber Taschentücher ähnlicher Marken, die denselben Zweck erfüllen. Die Zeiten, in denen der Schnodder die Nase hochgezogen wird, sind passé. Der moderne Chinese von heute schnupft in Taschentücher.

Die Geschehnisse in Libyen waren auch Thema in China. Anders als bei den Ausschreitungen in Ägypten, konnte man die Vorfälle in Libyen in allen öffentlichen Medien kontinuierlich nachverfolgen. Was aber vor und an dem 11. Februar 2011 in Ägypten vorgefallen ist, darüber waren nur wenige Chinesen mit Zugang zu ausländischen Medien informiert. In den Zeitungen konnte man nichts darüber lesen. Die Regierung hatte hier anscheinend zwischen Freiheitskämpfern und aufständischen Rebellen unterschieden und man sortierte dementsprechend all’ die Nachrichten aus, die einen schlechten Einfluss auf das Volk und Land haben könnten. Einen Aufstand hätte es angeblich auch in Shanghai und Peking gegeben. Die chinesische Regierung hatte aber jegliche Proteste innerhalb von wenigen Minuten aufhalten können und gemerkt hatte es somit niemand. Was Libyen anbelangt, so hatte die chinesische Presse den Eingriff der Nato stark kritisiert.

Nach 8 Stunden permanent laufender Nase und 8 x 10 aufgebrauchten Packungen Taschentücher, konnte ich mich endlich auf dem Weg nach Hause machen. Für größere Akrobatik am Abend war ich nicht zu haben. Nur gut, dass es M. ebenso erging und wir verabredeten uns auf einen Kaffeeklatsch in der Captain’s Bar.
M. ist ein guter Freund von mir. Er studiert mit mir zusammen in Bremen und seit neuestem verkauft er auch Spezialfolie an wichtige Kunden in ganz Shanghai. Sein treuester Freund und Wegbegleiter? Sein Koffer. Und auch sonst ist er ganz dufte – ob mit oder ohne Alufolie im Schlepptau.
M. bestellte einen Salat und ich 0.5 Liter Draft Beer. Bedient wurden von Sailor Moon höchstpersönlich. Den Mondstein haben wir nicht fliegen sehen, aber dafür wissen wir jetzt, was Sailor Moon unten drunter trägt. Zwar ist die Captain’s Bar nicht mit einer Bar Rouge gleichzusetzen, dennoch gehört sie zu den Bars mit einem der besten Ausblicke auf den Pudong.
Die Unterhaltung mit M. ließ meine Erkältung in Vergessenheit geraten. Selbst die Strumpfhose, die ich mir in einem unvorsichtigen Moment beim Sichern der Pole Position auf das Panorama an der Tischkante zeriss, ließ mich zunehmend kalt.
Sailor Moon hatte für einen glorreichen Abend gesorgt, auch wenn der Tag zunächst unglücklich gestartet ist.

1 Kommentar:

  1. "Die Zeiten, in denen der Schnodder die Nase hochgezogen wird, sind passé."

    IM LEBEN NICHT!

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