Freitag, 16. Dezember 2011

Adventskalender Tür #16

Ich kriege die Krise. Die Finanzkrise. Die griechischen Ein- und Zweieurostücke fallen immer wieder durch den Zigarettenautomaten. Apropos Finanzkrise, ist es wirklich noch zeitgemäß tausende von dicken Telefonbüchern in die Haushalte Bremens zu liefern? Die Kosten dafür werden sicherlich irgendwo in irgendwelchen Gebühren einkalkuliert sein, dennoch, wer braucht denn ein Telefonbuch? Ich habe noch nicht einmal das vom letzten Jahr durchgelesen. Sicherlich schlagen ältere Herrschaften gerne nach, ob der ein oder andere ehemalige Schulkamerad weiterhin im Verzeichnis vertreten ist, wie nahe kommen die Einschläge? aber das rechtfertigt in meinen Augen den Aufwand nicht. Die GEZ geht einen anderen Weg. Sie fordert mich auf ihnen die Vorgedruckte Einzugsermächtigung unterschrieben zurückzusenden und verweist dabei unter anderem auf mein Umweltbewusstsein. Leider war der mitgeschickte Briefumschlag nicht frankiert. Als ob ich nicht bereits genug bezahlen würde. Okay, zugegeben, der letzte Tatort war, trotz dubioser Beziehungskiste, nicht schlecht.

Im Postamt rechnete ich mit einem gewaltigen Ansturm von Menschen, denen, genau wie der Gedanke mal wieder zu spenden, ausgerechnet heute einfällt, dass sie mit einer einzigen Weihnachtskarte bis Ostern vor der buckligen Verwandtschaft Ruhe haben. Vor der Philatelie war tatsächlich viel los, die anderen Schalter hingegen winkten die wenigen Kunden so durch. Das Problem waren ältere Damen, die sich für die Weihnachtsedition der Briefmarken interessierten. Ehrliches Interesse. Für Briefmarken! Würde mich nicht wundern, wenn die so auch ihren Ehemann kennen gelernt haben.
Der Vorteil ist, beim Kauf der Sonderedition beruhigt man gleichzeitig sein Spendergewissen. 25 Cent gehen an irgendeine Einrichtung, also 25 Cent extra zu den 55 Cent Porto. Die blaue Mauritius wird nicht dabei sein, für mich also bitte ohne Spende. Falls ich vor Ladenschluss drankommen sollte.

Seitdem ich es geschafft habe in einem indischen Postamt vier Postkarten zu verschicken, schüchtert mich das Warten nicht mehr ein. Meine Einstellung zum deutschen Beamtentum hat sich seitdem enorm verbessert. Allein die Tatsache, dass eine Schlange gebildet wird, stimmt mich zuversichtlich. Damit meinen Freunden auch in Zukunft Sätze wie: dann musst du mal sehen, wie die das in Indien handhaben, erspart bleiben, erzähle ich lieber hier einmalig von dieser Odyssee.

Insgesamt bin ich in Dehra Dun dreimal durch die Tür des Postamtes gegangen, nur um direkt wieder umzukehren. Zwar vermutete ich hinter den Menschentrauben einen besetzten Schalter, aber solange ich dort niemanden in die Augen sehen konnte, ließ ich es lieber bleiben mich anzudrängeln. Die in Indien üblichen Kassen, an denen sich ausschließlich nur Frauen anstellen dürfen, vermisste ich in dem Amt nicht. Das bringt sowieso nichts als Mann. Die Anzahl der Menschen wird nicht geringer, nur weil die Hälfte an einem eh geöffneten zweiten Schalter steht. Was wie eine tolle Serviceleistung klingt, hat einen ethnologischen Hintergrund. Gesonderte Kassen stehen in keiner Relation zu dem indischen Frauenbild. Ich weiß ja um die hohe Frauenquote unter meinen Lesern.

Bei meinem dritten Versuch hatte sich die Menschenmenge deutlich gelichtet. Briefmarken hatte ich mir bereits in Mumbai besorgt, ich brauchte nur noch einen Kugelschreiber um die Adressen niederzuschreiben und kompetente Hände, in die ich die Postkarten geben konnte. Gerade als ich an der Reihe war, heißt, ich mir genügend Platz mit den Ellbogen verschaffte, so dass der Beamte mich nicht mehr übersehen konnte, holte jener sein Lunchpaket unter dem Schreibtisch hervor und machte erstmal Mittagspause. Deshalb war es so verhältnismäßig leer, ich war voll in die Mittagspause geraten. Nachdem ich minutenlang mit offenem Mund den Leuten beim essen zusah, ging es weiter. Leider nicht mit mir. Ich gab meinen viel versprechenden Posten auf und entschloss einen der Kunden nach einem Stift zu fragen. Es saßen genug herum, die etwas notierten oder gar Vorort die Wartezeit nutzten, um ganze Briefe zu verfassen. Briefe oder besser Bekennerbriefe, wie mein von Vorurteilen belasteter erster und einziger Eindruck war. Meinen schweifenden Blick bemerkend, fragte mich ein Inder was ich suche. Ich zeigte ihm die Postkarten und deutete eine Schreibbewegung an. Pencil, yes Sir. Er wiederum deutete auf einen Schalter in der Ecke des Gebäudes, der den mit Abstand geringsten Andrang vorwies. Kein gutes Zeichen. Als ich dort nach einen Stift fragte, verschwand die Dame hinter dem Schalter in einen Nebenraum. Dass die keinen Stift holt, konnte ich mir denken.

Von meinem Nebenmann bekam ich die üblichen Seitenhiebe zu spüren, nichts Besonderes, bis ich merkte, die Hiebe waren seinen Schreibbewegungen geschuldet. Interessanterweise schrieb er die Adresse schräg in die Ecke des Umschlages verlaufend. Ich habe ja schon Probleme den Platz einzuschätzen, wenn ich normal untereinander schreibe. Er zog einen Strich und komplettierte das Hindi souverän mit Häkchen und Verzierungen, am Ende passte alles genau in die Ecke. Respekt. Danach gab er mir unaufgefordert seinen Stift. Ich notierte die Postleitzahlen aus dem Gedächtnis heraus, bedankte mich und ließ mir erklären, dass für das Ausland bestimmte Post in den Briefkasten, draußen am Eingangstor kommt. Der Wachmann zeigte mir auf Nachfrage und mehreren Handzeichen den richtigen Briefschlitz, der einzige rote. Ich kam mir nicht besonders weltmännisch vor, trotzdem denke ich, eine Stunde ist eine gute Zeit für vier Postkarten. Alle Karten sind übrigens angekommen, sogar die nach Hamburg, dessen Postleitzahl mir nicht mehr einfiel. Die angekündigten Briefe habe ich nicht versendet. Unter anderem weil ich nicht weiß was Briefumschlag auf Englisch heißt, außerdem hatte ich Hunger bekommen.

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