Dienstag, 18. Dezember 2012

18. Türchen



Die Saufpause ist bereits wieder beendet. Zwei Monate habe ich komplett auf Alkohol verzichtet. Es war mal ganz nett konsequent eine längere Zeit nichts zu trinken, wie einst der alte Hemingway. Laut Zeitzeugen waren Ernestos Saufpausen die langweiligste Zeit seines Lebens. Langweilig kann es schnell werden. Gerade, wenn man das Wochenende aus der Hand gibt und Veranstaltern anvertraut. Nüchternheit und Menschenmengen vertragen sich nicht besonders gut. Ich gebe zu, dass ich solche Herausforderungen gemieden habe. Ich war auf keiner größeren Veranstaltung oder Feiern in meiner abstinenten Zeit. Auf privaten Abenden funktionierte das Safttrinken sehr gut. Wenn man keinen Eintritt bezahlt hat, gibt es auch keine Überlegungen, wann man das Geld ausgesessen hat. Zum einen, zum anderen: Wer sich auf privaten Abenden langweilt, ist langweilig.

Das Problem war das ständige Rechtfertigen. „Wieso trinkst du nichts?“ Die Vermutung, ich wolle einer Abhängigkeit entgegenwirken, war für viele das nächstliegende. Meine ehrliche Antwort: "Nee, nee, ich mache das einfach so", machte mich nur verdächtiger. Irgendwann sagte ich: "nur so, aus Scheiß!", was weniger nachdrücklich hinterfragt wurde. Bekloppt sein, ist offensichtlich uninteressanter als Alkoholkrank. 
Andere wiederum wurden bei dem Gedanken den gesamten Abend einen Nüchternen neben sich zu haben, provozierend bis aggressiv. Das konnte ich gut nachvollziehen. Alleine trinkt niemand gerne und ganz alleine schon gar nicht. Um Diskussionen aus dem Weg zu gehen, trank ich alkoholfreies Weizen, selbstredend aus dem Glas. Die leere Flasche mit dem Hinweis „Alkoholfrei“ stellte ich neben den Tisch, das Label nach innen gedreht. Täuschen und Tarnen, ihr kennt das von der Maloche.

Die Idee zur Pause hatte Martin, der seinen LKW Führerschein verlängern wollte, wofür die Leberwerte stimmen müssen. Die Prüfung und das Ergebnis sind jetzt auch schon etwas länger her. Alle Werte waren Top, was beweist: Zwei Monate Saufpause egalisieren zehn Monate exzessives Treiben. Auf Jahre hin! Das sind doch mal gute Nachrichten. So was steht nicht in der Apotheken Umschau.
Insgesamt habe ich mir den Verzicht herausfordernder vorgestellt. Einzig nach Fußballspielen musste ich aufpassen mich nicht mit Selbstvorwürfen zu nerven.
„Was kommt als nächstes? Benutze ich meine Beine nicht mehr? Die sind viel beanspruchter als meine Leber.
Ich will los und niemand kann mehr fahren, es ist gerade so lustig, dann ist jetzt auch egal.“
Zum Teil begriff ich nüchtern die Argumentationen der anderen nicht mehr, was die dritte Halbzeit völlig sinnentleerte. Der nächste Tag nach der Beendigung der Saufpause ist übrigens zum abgewöhnen. Irgendwie habe ich es geschafft in den zwei Monaten 7 Kilo abzunehmen. Dazu sei gesagt, ich habe es auch von der Ernährung her darauf angelegt. Die Feiertage werden das schon wieder richten

Kommentare:

  1. Meine "Saufpause" dauert jetzt schon etwas länger als deine. Seit 1998 nix mehr. Aber ebenfalls nicht wegen irgend einer Erkrankung, sondern einfach so aufgehört.
    Die Gespräche kann ich voll und ganz nachvollziehen...
    "Du trinkst nichts?"
    "Nein, zumindest kein Alkohol"
    "Bist du krank oder hat dir dein Arzt das verboten?" [ich habe meine Krankheit selber diagnostiziert und lasse mir von keinem Arzt was verbieten (5-finger-palm)]
    "Ne. Einfach so..."
    "Ach echt jetzt? Find ich schon stark. Und du trinkst wirklich nix? Auch kein Bier?" [Bier wurde 1972 per Gesetzt zu Nicht-Alkohol erklärt und macht seitdem auch nicht mehr so besoffen wie vor 1972. Deswegen muss man es sich seit 1972 eimerweise in den Schädel schütten bis es aus den selben wieder raus kommt]
    "Nein, auch kein Bier..."
    "Ich könnt' das nicht..." [können kannst du schon. Du willst nur nicht. Arschmade.]

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    1. Ich halte nicht viel von diesem „ganz oder gar nicht“. Ich bin der Meinung, man muss beides können. Alkohol ist ein schönes Schmiermittel und es macht ja auch Spaß, aber soll jeder machen wie er meint, solange er es vorwurfsfrei tut.

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    2. Bei mir hat es sich einfach so ergeben das ich irgendwann "gar nichts" mehr getrunken habe. Wobei ich das "gar nichts" auch nicht immer fundamentalistisch gesehen habe. Das eine oder andere Glas Wein war schon mal dabei. Aber es schmeckt mir halt nicht und mir vergeht die Lust sobald ich Alkohol nur rieche weil der Duft mich an meine Abstürze Anfang bis Mitte 20 erinnert.

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    3. Es schmeckt mir nicht, ist immer noch das nachvollziehbarste Argument. Was einem daran nicht schmeckt kann gerne offen bleiben. Ich bekomme es jedes Mal mit der Angst, wenn ein Vegetarier zum Selbstverliebten Monolog ansetzt. Alles schon mal gehört und dennoch anders entschieden.

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