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Donnerstag, 14. April 2011

Taschengeld

"Es müffelt zwar etwas, doch weil es eben nicht stinkt ist Geld genau das, was im Leben bestimmt!" Dendemann

Falls sich die Eltern ihres, sagen wir… 28 jährigen Sohnes dazu entscheiden sollten ihm rückwirkend ein Taschengeld zu gewähren, dann müsste das um die hundert Euro die Woche betragen. Das ist zumindest der Betrag, den ich am Wochenende ausgebe. Ich schreibe absichtlich nicht „durch den Schornstein jage“ oder eine ähnliche Phrase. Das Geld ist nämlich nicht nur dafür da, um mit den Altersgenossen mithalten zu können, sondern beinhaltet alle möglichen Wochenendausgaben. Die letzten Wochenenden verhielt es sich ungefähr so:

Entweder kaufte ich Geschenke für die Geburtstageskinder dessen Partys ich besuchte, der restliche Abend war demnach kostenfrei, oder ich ging auf ein Konzert, wo ich am Tresen den Kartenpreis verdoppelte. Die teuersten Abende waren jedoch die, an denen man gezwungen war mit dem Taxi in die nächste Lokalität zu fahren. Dort angelangt ist es meist gleichermaßen mies wie teuer.

Es kam vor, dass ich vergaß mir für die Zugfahrten ein Buch mitzunehmen, welches ich dann im Nachhinein am Bahnhofsbuchhandel genau für diesen Zweck erwarb. Über den Fahrkartenpreis brauchen wir erst gar nicht zu reden. Die obligatorischen Biere und Bratwürstchen vor nach dem Fußballspiel sind Pflicht und ersetzen nicht selten die Kür. Ohne ein Bier in der Hand brauchst du erst gar nicht versuchen dich mit jemand über Fußball zu unterhalten. Die „Wenn ich gewollt hätte, wäre mehr drin gewesen“ Haltung muss nach Abpfiff so schnell wie möglich hergestellt werden. Das kostet natürlich.

Sonntags habe ich keine Zeit und Lust großartig zu kochen, weshalb ich beim Dönerladen einkehre. Für bereits vier Euro wird dir ein eingängiges Gericht gebaut.
Fünf Euro gehen für die DVDs drauf, die ich mir am Vortag, für den Restsonntag auf dem Sofa, ausleihe. Die Kosten für die Zigaretten heben sich mit den Geldgewinnen beim Knubbeln auf. Dennoch sollte ich langsam damit anfangen sie in die Rechnung mit einzubeziehen. Iacta alea est - nicht immer läuft es so glatt.

Es ist nicht so, dass ich mir meine Freizeit herbeisehne, unbedingt auf das Schlachtfeld ziehen muss, auf dem das Geld wie Munition verballert wird, aber los ist ja immer etwas. Und alles fordert seinen Tribut, egal was man unternimmt.

Ich frage euch: Hundert Euro am Wochenende, ist das normal?

Mittwoch, 7. Juli 2010

Vergnügungsdampfer

"I was looking for some action
But all I found was cigarettes and alcohol" Oasis

Schaust du auch hier
Warum fangen Menschen an zu rauchen? An der Schule, wo wahrscheinlich die meisten Raucher ihre erste Zigarette geraucht haben, sind sicherlich die Gründe die geliehene Coolness und das sozial auffällige Umfällt. In zahlreichen Anekdoten, die sich alle stark ähneln, geht es ums weglaufen und verstecken vor den Lehrern und manchmal wurde es sogar richtig brenzlig. Hui Hui. Anekdoten haben einen viel zu guten Ruf, als dass jemand mal darauf käme zu erwähnen, wie bekackt und anstrengend das früher alles war. Beziehungsweise gewesen sein muss.
Für mich war das nämlich nie etwas. Alle Raucherkinder auf meiner Schule waren auffällig schlecht in selbiger und bekamen Sonderurlaub, weil es familieninterne Schwierigkeiten gab.

Rauchen ist erstmal nicht besonders lukrativ. Es kostet ein Vermögen, macht die Organe kaputt und es hetzt einem die militanten Nichtraucher auf den Hals. Das schlimmste daran ist jedoch dieses schreckliche Suchtverhalten, wofür ich überhaut kein Verständnis habe. Einmal Raucher, immer Raucher. Zudem behaupte ich, dass es Männern nicht steht, wenn sie rauchen. Wirklich nur in den seltensten Fällen und Gegebenheiten. So wie die Pfeife erst ab einem gewissen Alter nach Genuss und Verdienst aussieht. Eine Gruppe von Rauchern zum Beispiel sieht immer verbannt und etwas traurig aus. Da kann dann selbst Johnny Depp rauchend dazwischen stehen. In Kneipen ist der Dunst ein wichtiger Faktor für das Flair, aber alleinig dafür verantwortlich sein, möchte ich auch nicht.

Die Uncoolen fangen also mit dem rauchen an, weil sie zu den Coolen gehören wollen, ok. Aber warum fangen die Coolen an zu rauchen?

Meine Bewunderung gegenüber Oasis ist der Grund, warum ich mit circa 25 Jahren angefangen habe zu rauchen. Martin und ich beschlossen nur zu rauchen, wenn auf Partys ein Oasis Song läuft. Als anerkennende Geste, so wie die Friedenspfeife. Alles andere wäre Verschwendung der kostbaren Kondition, die man zum Feiern und zum nach Hause wanken benötigte, gewesen. Zudem finde ich es wichtig, dass man rauchen kann. Also dass man es beherrscht, es gut aussehen zulassen. Lunge, Filmgesten usw. Auf gar keinen Fall darf man anfangen zu husten oder ähnliches. Das wäre so, als wenn man bei seinem ersten Tattoo anfängt zu weinen. Ich halte nichts von Tätowierungen, aber Schmerz sollte man kennen.

Es funktionierte prima. Die erste Zeit. Der richtige Augenblick für eine Zigarette wurde irgendwann auf das Stimmungsbild ausgedehnt. Betrunken ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Stimmung, dennoch wird immer darauf geachtet, dass die Geste stimmt. Wie mit dem Alkohol, wird mir beim Nikotin allein der "Rauschzustand" nie etwas geben können.
Über die Zeit hat sich für mich ein apodiktisches Schema eingependelt.
  • Ich rauche nur in Verbindung mit Alkohol, was oft gleichbedeutend mit Wochenende ist.
  • Ich kaufe mir nie Zigaretten aus der Reihe, sondern rechne die immer von meinem Wochenendbudget ab. Die Kohle, die du mitnimmst ist eh weg. Dann ist es auch egal wofür.
  • Ich schnorre möglichst, um den Gang zum Automaten zu vermeiden. Die Anstrengung steht nicht im Verhältnis zu meinem Konsum.
  • Ich spendiere gerne und ungefragt Zigaretten aus meiner Packung. Alleine schon um Punkt drei zu rechtfertigen, aber vor allem, weil mir Zigaretten nichts bedeuten.
  • Mir ist die Marke von geschnorten Zigaretten egal. Ich schmecke eh keinen Unterschied.
  • Es geht um die Geste. Zum Beispiel kaufe ich mir Malboro Light im Softpack mit weißem Filter. Allein wegen des Erscheinungsbildes.
  • Ich rauche nie wenn ich alleine bin
  • Beweggrund ist die Stimmung, nie der Moment.
Was wie ein selbst auferlegtes Regelwerk klingt, funktioniert für mich absolut Zwangsfrei. So wie es ist, bleibt es oder ich verliere das Interesse daran.
Ich bezeichne mich nicht als Raucher, genau wie ich mich mit meinem Dreitagebart nicht als Bartträger bezeichne.

Zugegeben, Oasis oder andere Meinungsmacher als Begründung anzuführen ist schwach. Besser hat es ein Kumpel gemacht. Er hat aufgehört zu Trinken und wusste in Diskotheken nicht mehr wohin mit seinen Händen. Das war für ihn ein absolut einleuchtendes Argument mit dem Rauchen anzufangen. Übrigens, die bisher beste Erklärung ein Vegetarier zu sein, ist: das Fleisch steht mir beim Essen zu sehr im Mittelpunkt. Schön, wenn man sich davon frei machen kann. Zweitbeste Ansage: Meine Freundin ist Vegetarierin, was mich auch zu so eine Art Vegetarier macht.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Jahresrückblick 2009

"This is it, I can say
I’m the light of your world , run away
we can feel, this is real
Every time I’m in love that I feel" Michael Jackson

Was ihr hier lest ist die dritte Version des Textes. Erst wollte ich aufzählen was war gut, was war nicht so gut dieses Jahr, während ich das so aufschrieb dachte ich: ein Glück musst du das nicht lesen. Ist das Langweilig.
Beim zweiten Anlauf wollte ich es mir einfacher machen und stumpf eine Linkliste erstellen, die für sich sprechend, das Jahr rekapitulieren sollte. Nicht so schlecht die Idee, aber gewisse Dinge müssen abschließend gesagt werden, die ich so nirgends im World Wide Web fand.

Jetzt also doch einwenig plaudern.

Finanzkrise einander mal

2009 ist im Nachhinein betrachtet, und darum geht es ja bei einer Retrospektive, ein ziemlich ereignisreiches Jahr gewesen. Irgendwo las ich auch von 2009, dem Krisenjahr. Im Managermagazin womöglich. 2008 fing die Scheiße mit den Lehmann Brothers an. Letztes Jahr war ich ein frischgebackener, also arbeitsloser, Bauingenieur, der, falls er die Gelegenheit gehabt hätte eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, eine ganze Versicherungsgesellschaft mit seinen Beiträgen durch die Krise hätte schleppen können. In der Zeit habe ich mich unter der Finanzkrise schön weggeduckt und Tabletten gegen meinen gereizten Spinalnerv gefressen, als wären es Nimm 2.
Im Dezember 2008 unterschrieb ich einen Arbeitsvertrag, der mir die Möglichkeit eröffnete nach Bremen zu ziehen. Die ersten Wochen wohnte ich noch bei einer Freundin, bis ich im Februar meine eigene Wohnung bezog.
Die eigene Wohnung. So mächtig wie das klingt ist es nicht. Ich finde es wichtig, dass man das mal sagt, sonst denken andere sie müssten um so etwas ein riesiges Geschiss machen. Abitur, erstes Auto, erster Arbeitsvertrag, erste Wohnung, 30, Kind, Hochzeit, Scheidung. Darauf darf man anstoßen, aber bitte erzählt mir nicht, wie heftig das alles ist.

Das alte, leidige Thema

Wenn Ärzte sich Röntgenbilder anschauen, sollten sie nicht fluchen. Allgemein sollten Ärzte nie fluchen. Mein neuer Neurochirurg verschrieb mir innerhalb von zwei Minuten eine Physiotherapie. Ich bekam letztes Jahr bereits Physiotherapien und ging dazu noch ins Fitnessstudio, ein speziell auf Bandscheibenprobleme abgestimmtes Programm. Besser wurde es nur für kurze Zeit. Was bei der Tortour letztendlich herauskam waren erneut Rückenschmerzen. Nun hat man in Bremen eine größere Auswahl an Ärzten und Kompetenzen. Der erneute Anlauf einer Physiotherapie verzeichnete früh Erfolge. Vor allem, weil mir endlich vieles richtig erklärt wurde. Die Psyche mischt sich ja in jede Krankheit ein und wenn es ein gebrochenes Bein ist. Seit ungefähr dem vierten Quartal kann ich gänzlich auf Tabletten verzichten. Selbst das Härteprogramm, Ostkurve im kalten Weserstadion, läuft problemlos ab. Die versprochene Besserung ist eingetreten. Leider wurde mir auch versprochen, dass ich eine vollkommene Heilung, mit der dazugehörigen Beweglichkeit, bei meinem Schreibtischjob ausschließen könne.
Die Schlacht ging aber erstmal an mich. Ich darf wieder Fußball spielen und habe im November mein erstes Spiel gemacht. Konditionell ungefähr auf demselben Niveau, auf dem sich Paul Gascoigne heute befinden dürfte, aber dafür sind die zwanzig Minuten, die mir vergönnt wurden, schmerzfrei abgelaufen. Ich konnte sogar einwenig brillieren.

Extrablatt, Extrablatt, alle Tot
Was wurde in diesem Jahr viel gestorben? Wenn ich die ganzen Einträge lese und die schlecht zusammengestellten Videos betrachte, mit dieser scheiß Musik unterlegt, dann hoffe ich, dass diese Social Network Blase bereits geplatzt ist, wenn ich abtreten muss.
Zeitweise fühlte ich mich richtig bedroht von Leuten, die mir ihre Links und Gruppeneinladungen schickten. Mir kam es vor wie am 11. September, als mir von überall her gesagt wurde, was ich zu empfinden habe.
Jeder soll auf seine Weise trauern, aber ich weigere mich zuglauben, dass es irgendwem hilft mit seiner Trauer besser fertig zu werden, indem er sie über das Internet verbreitet. 99 Prozent dieser „Trauernden 2.0“ geht es bei ihrer Anteilnahme nur um den Gutmensch Charakter, den man billig absahnen kann. Trauer, Pietät und Mitgefühl funktionieren im Stillen viel besser.
Einige machen sich noch nicht einmal die Mühe Rest in Peace auszuschreiben.
Und warum auf Englisch, warum nicht auf Chinesisch? Hat man sich das etwa irgendwo abgeschaut? Genau wie das Verhalten in solchen Situationen einfach kopiert wird? Nach dem Motto: Mein gewissen ist rein, ich habe ein Kreuz an den virtuellen Straßenrand gestellt?
Eine StudiVz Gruppe zum Gedenken an einen verstorbenen Menschen zu gründen, macht aus dir noch lange keinen besseren Menschen.

Allgemein wurde sich dieses Jahr wie bescheuert auf Gutmensch Themen gestürzt: Trauer, Mitleid, Toleranz, Ein Herz für Blogs, daran sieht man mal wie verunsichert alle sind.

Der King of Pop lebt im Kühlregal

Die mediale Inszenierung von verstorbenen Personen des öffentlichen Lebens ist zum einen Berichterstattung und zum anderen ein Fluch für die Verbliebenen. Wenn es hieß Michael Jackson wurde in einem Studio gesehen, dann interessierte mich das genauso wie dessen Todesursache. Nämlich sehr. Was da dieses Jahr in den Medien passierte, war nur die logische Konsequenz eines arrangierten Lebens und die ganzen R.I.P. - Schreiber kaufen konsequenterweise die CD Regale leer.
Ich wurde tatsächlich von jemand gefragt, ob bei 6 GB Michael Jackson Material alles dabei sei…
Wen Michael Jackson nicht als Kinderstar oder Frontmann der Jacksons oder als Solokünstler erreicht hat, den hat er spätestens mit seinem Tod erreicht. Wie viele das letztendlich wirklich waren, soll jeder für sich einschätzen.
Ich bin mal gespannt, wann die Werbung Michael Jackson ausschlachtet, wie bei Elvis mit dem Curry King...

Courage und Suizid

Dominik Brunner wird vor lauter Zivilcourage von ein paar Jugendlichen erstochen und Robert Enke hat Depressionen und schmeißt sich vor einen Zug. Natürlich besteht besonders im zweiten Fall ein öffentliches Interesse. Nur wie mit der Trauer umgegangen wurde, war für viele wieder die falsche Art. Der Trubel war pietätlos und wer das behauptete war selber pietätlos und kann sich mal bitte jemand Gedanken um den Lokführer machen usw.
Hätten die mal alle die Schnauze gehalten. Klar haben die Medienmacher am Modell Michael Jackson gesehen, wie sich mit der Verunsicherung der Menschen und deren daraus entstehender Auseinandersetzung mit dem Reizthemen Tod und Anteilnahme, Kasse machen lässt. Wäre Michael Jackson noch am Leben, dann hätte es keine Kerner Sondersendung über den Tod von Robert Enke gegeben. Sage ich.
Wie wenig wirklich nachgedacht wird, sah man an dem Länderspiel Deuschland : Elfenbeinküste. Vor dem Spiel fanden eine Schweigeminute und sonstige Huldigen für den verstorbenen Nationaltorhüter statt. Es wurde nochmals an die schwere Last erinnert, die Robert Enke mit sich herum trug. Alles verständnis- und rücksichtsvolle Menschen im Stadion, denkt man. Als dann in der circa 70. Minute Mario Gomez eingewechselt wurde, wurde dieser von demselben Publikum, noch vor dessen ersten Ballkontakt, ausgepfiffen. Idiotie, wie sie die Simpsons-Macher nicht besser hätten inszenieren können.
Außerdem wette ich, dass Leser mich darauf ansprechen werden, dass ich ja selber Stellung nehmen würde und dass man so was nicht schreiben dürfe. Dazu kann ich nur sagen: lasst mich, ich habe Depressionen.

Apropos, das Thema Depression ist zurzeit total hip. Wenn jetzt eine weitere Staffel von Germanys next Topmodel laufen würde, dann gäbe es keine Diskussion über mangelnde Bildung oder Magersucht, sondern die dummen Bohnenstangen wären alle Depressiv. Mit Sicherheit.

Musik, Buch, Film – Glück ist positiver Cashflow
Musik, Buch und Film bleiben in Kombination ein guter Parameter um das Jahr einzuschätzen.

Ich bin oft ins Kino gegangen. Die kindliche Vorfreude musste ich mir nie erhalten, für mich wird der Kinobesuch immer ein Ereignis, auf das es sich zufreuen lohnt, bleiben. Egal wie der Film letztendlich war. Ähnlich wie beim Stadionbesuch, für Licht- wie Fußballspiel gilt: beides kann ereignislos ablaufen.
Ganz in meiner Nähe wohnt eine Videothek, mit einer bisher ungekannten Vielfalt. Man kann nachfragen, bekommt Empfehlungen und sogenannte Geheimtipps. Da kann das Internet nicht mithalten. Der Preis ist ungeschlagen, billiger als jede Abmahnung, weshalb ich auch dutzende Filme in diesem Jahr gesehen habe. Der beste von Ihnen war Inglorious Bastards.

Das Knalleralbum dieses Jahres kam bereits 2008 heraus. The way I see it von Raphael Saadiq. Ansonsten wurden 2009 viele gute Alben veröffentlicht. Jay Z, Reakwon, Jan Delay, Depeche Mode, U2, Air, Jochen Distelmeyer, Element of Crime, Muse, Williams usw. Wirklich gekauft habe ich mir davon keins. Das wird aber nachgeholt, sobald ich einen neuen CD-Player, bzw. mich mit iTunes angefreundet habe. Meine größte Aufmerksamkeit genießt weiterhin das totgesagte HipHop Genre und dem damit verbundenen Ausverkauf der Vinyl Scheiben. Eine Single für 3 Euro, Ein Album 6 Euro, bitte!
Viele gute Bands erschlossen sich mir, von denen ich vorher nie etwas gehört hatte. Bei anderen, mir bekannten Interpreten, entdeckte ich wiederum in den Tiefen ihrer Discographie so manche Perle. Die Charts habe ich mir mittlerweile, eher unfreiwillig, völlig abgewöhnt.
Drei Jahre ohne MTV oder Viva gehen spurlos an einem vorbei.
Genau wie die großen Festivals wieder Mal an mir vorbei gingen. Trotzdem war ich, für meine Verhältnisse, auf vielen Konzerten vertreten. Ob die Band Live besser ist, kommt natürlich auf die Band an. Der Zustand Live garantiert noch lange kein gutes Konzert. Das denken häufig kleine Jungen mit Zahnspange, die trotz allem eine Chance bei Mädchen haben wollen, die genauso denken. Ich wurde aber nicht enttäuscht, gerade Kool Savas hat seit dem Splash Finale von 2005 nicht nachgelassen.

Meinen Vielleserstatus (ab 30 Bücher im Jahr. Habe ich mal irgendwo gelesen, was sonst?) dürfte ich knapp verfehlt haben. Ist mir eigentlich nicht wichtig, nur, wenn man die Zeit für Bücher findet, hat man anderes ebenfalls im Griff. Diesen Eindruck bekam ich jedenfalls über die letzten Jahre. Total simpel, wer braucht da noch Feng Shui?

Der Verein
Klinsmann ist dann doch voreilig entlassen worden, was natürlich einzig an den hohen Erwartungen lag. Experiment fehlgeschlagen und mit van Gaal auf nun mal sicher gehen. Von wegen. Schwierige Holländer. Die Saison verläuft nicht optimal, aber ich habe auch schon gute Spiele in diesem Jahr gesehen.
Was mich beruhigt, obwohl es gar keinen Grund zur Unruhe gibt, ist die Tatsache, dass Bayern selbst bei einem Neuanfang nach der Ära Hoeneß und einem eventuellen Scheitern van Gaals mit den jungen Spielern eine super Mannschaft zusammen hat. Kroos, Müller, Badstuber, Lahm, Schweinsteiger und Gomez sind über die nächsten Jahre eine gute Grundlage um Deutscher Meister zu werden. Wer die Mannschaft erweitern wird, seien es schwer zu haltende Stars wie Ribery, Robben oder Demichelis, oder ob neu eingekauft werden muss, ist dabei egal. Aber wie es aussieht nimmt alles ein glückliches Ende. Wie so oft.
Bayern Kontext gehört in jeden Jahresrückblick.

Dein Lieblingsmensch

Die Gefühlslage schwankte so vor sich hin. Ein paar Menschen haben mich positiv überrascht und andere hingegen nachhaltig enttäuscht. Nachhaltig ist gut... auch nicht mehr als sonst. Unabhängig von meiner Erwartungshaltung. Das betrachte ich aber als normal. Dafür kenne ich einfach zu viele Menschen, als dass es immer untereinander glatt läuft und außerdem ist es ja schon schwierig genug mit sich selbst klar zukommen. Leider habe ich viele Dinge, die ich ändern oder anpacken wollte, nicht geändert oder angepackt. Das muss ich mir vorwerfen lassen. Mir gegenüber.
Ich wollte die Hände mehr in die Hosentaschen stecken, anstatt sie in den Jackenärmel verschwinden zu lassen. Das sieht so unreif aus. Im Taxi wollte ich mich nach hinten setzen. Bei allen drei Taxifahrten in diesem Jahr saß ich wieder vorne. Das Thema Fremdsprachen habe ich fast aufgegeben, ich kann es einfach nicht. Guido, mach was.
Optimistisch gesehen, gehen mir für 2010 die Vorhaben so schnell nicht aus.
Das Archiv reflektiert mein Jahr im Grunde genug.

2009… This is it.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

Samstag, 5. September 2009

Hohe Erwartungen

"Manche Erwartungen möchte ich einfach nicht erfüllen" Dendemann

"Nach dem Goldrauch
Gehe ich schlafen in meinem Bett aus Eis
Mit dem Wissen, dass ich gar nichts weiß
Mit dem Wissen, dass ich nichts kann
Ich bin ein Thomas und kein Thomas Mann" Fotos


In den Wochen, in denen ich mein Diplom schrieb, kam das Thema verschärft auf. Ich saß mit den anderen Diplomanten im PC Raum, wir zitierten aus Büchern, Zeichneten, spielten Slide-a-Lama und redeten über Arbeitsmärkte und Gehaltsgruppen. Mein Lieblingssatz zu dem Thema war: „Ich brauch keinen Arbeitsmarkt, sondern einen Arbeitsplatz.“ Da fiel den anderen nichts mehr zu ein. Mir selbst auch nicht.

Karriere und Geldverdienen, diese beiden Worte waren zu der Zeit omnipräsent. Auch meine Altersgenossen waren schon lange Gesellen oder beendeten gerade ihr Studium oder begannen eines, sodass das Thema immer aktuell blieb. Man vergleicht sich mit den anderen und die anderen vergleichen sich mit dir. Ständig. Nun ist es so, dass nirgends (außer im Bett vielleicht) soviel gelogen wird wie bei den beruflichen Angaben. Alles wird interessanter gemacht als es in Wirklichkeit ist.

Nun ist es so, dass nicht alle die perfekte Arbeitsstelle, mit super Kollegen, Dienstwagen, übertariflichen Gehältern, in der schönsten Stadt finden können. Die, die eine Arbeit fanden, haben mir aber immer genau das erzählt. Klar ist das verdächtig und man entschließt sich meist dazu ebenfalls zu lügen, anstatt ihnen das Bewusstsein für ihre Umgebung abzusprechen. Ich gebe es zu, ich fühlte auch schon eine gewaltige innere Zufriedenheit, als ich auf jemanden traf, der gnadenlos auf dem Arbeitsmarkt gescheitert ist. Da lügt mal einer nicht und wird von mir mit einem „was du brauchst ist kein Arbeitsmarkt, was du brauchst ist ein Arbeitsplatz“ abgefertigt. Nach dieser Erfahrung entschloss ich mich bei dem Karriereding nicht mehr mitzumachen. Das ist doch pervers.
Der größte Druck geht seitdem von mir selber aus. Den kann ich wenigstens einschätzen. Druck / Zeit < 1 schrieb ich in mein Notizbuch.

Seit dem Moment, in dem ich mich dazu entschlossen habe, meine derzeitige Arbeit als Job anzusehen, ist der Druck nicht weg, aber ich habe eine Ahnung davon bekommen wie Alternativen zu dem Modell Jung - Dynamisch – Erfolgreich aussehen könnten. Der Witz an der Sache ist, seitdem ich Ingenieur bin, reden plötzlich Frauen mit mir, die mich vorher nicht mal mit dem Arsch angeschaut haben. Das bilde ich mir auch ganz bestimmt nicht ein. Das gute, alte Klischee. Heimlich nenne ich diese Frauen Cora Schumacher.
Sie holen oft die Themen Karriere und Geldverdienen wieder hervor. Da mir diese Frauen ja egal sein können, übertreibe ich maßlos in den Gesprächen. Das Wort Reichtum fiel auch schon mal. Man kann es bei denen gar nicht auf die Spitze treiben. Der Satz „Ich bin es ja eigentlich gewohnt, dass Frauen mir teure Geschenke machen, aber bei Dir bin ich bereit eine Ausnahme zu machen“ wurde entweder völlig überhört oder als wohlgesinnte Geste gesehen.

Zum Glück gibt es genug Frauen, die mich schon vorher beachteten und vielleicht sogar achteten. Freundinnen nenne ich die dann. Den konnte ich die Sache mit dem „ein Job ist ein Job“ gut vermitteln. Obgleich sie mich vermutlich am liebsten am Kragen packen und mir unter Ohrfeigen eintrichtern würden, dass man so nicht durch das Leben kommt und außerdem wurde der Freund der Jaqueline schon wieder befördert. Nur so, ganz nebenbei.

So schwer es auch ist Frauen im heiratsfähigen Alter zu erklären, Geld allein mache nicht glücklich, noch schwerer ist es bei deren Eltern. Der Vater fragt bei jedem Besuch: „was macht die Arbeit, die Karriere, das Büro?“ Dem kannste ja schlecht sagen: „Läuft, ist ein netter Job, hält mich am kacken und Kino ist auch hin und wieder drin.“
Jetzt ist es so, dass man bei der Frage nach der Arbeitssituation nicht eine Sekunde mit der Antwort zögern darf, sonst hagelt es gut gemeinte Ratschläge.

„Junge, du musst ins Ausland gehen, da sind die gutbezahlten Arbeitsplätze.
Hier, der Nachbarsjunge hat die Fluglotsenschule mit eins abgeschlossen. Es ist schon schwer genug da überhaupt ranzukommen, die nehmen nur die Besten. Der kann sich den Arbeitsplatz aussuchen, der macht seinen Weg“

Fakt 1: Ich soll ins Ausland abgeschoben werden

Fakt 2: Ich soll durch einen Fluglotsen ersetzt werden

Fakt 3: Wenn mir das egal sein kann, bin ich da angelangt, wo keine Karriereleiter hinführt

Samstag, 6. Juni 2009

Weshalb ich nicht nur wegen einem Cent in die Stadt ging

"Your body needs water - so DRINK THAT SHIT" D´Mite

"Read a book! Read a book! Read a muh'fuckin book!" D´Mite

2,38 Euro befinden sich in meinem Portemonnaie, dazu kommen noch 25 Cent Pfand. Das reicht gerade so nicht für 6 Flaschen Wasser beim Penny. Die würden laut meinem ehemaligen Mathelehrer, Herrn Riese, 2,64 Euro kosten. Ein scheiß Cent fehlt mir. Ich schaute in den Sofaritzen, den getragenen Jeans und Jacken und an den anderen üblichen Verstecken von Kleingeld nach selbigen. Fehlanzeige. Ich brauche Wasser. Das letzte Mal habe ich mich schon geärgert, als beim Penny nur noch das naturelle Wasser übrig war. Da kann man gleich aus der Leitung saufen und das ist womöglich auch noch gesünder. Ich könnte natürlich auch mit Karte zahlen, müsste dann aber noch unnützen Kram dazu kaufen, um auf den 5 Euro Mindestsatz für Kartenbezahler zu kommen. Keine Ahnung ob es den wirklich gibt, aber ab 5 Euro erntet man wenigstens keine bösen Blicke mehr.
Da das Wetter so mies ist, suche ich im Internet nach Büchern, anstatt das von mir bevorzugte „Stöbern“ im Buchladen. Falls jemand ein weniger schwules Wort für „Stöbern“ kennt, bitte melden. Mich wurmt es, geliehene Bücher gelesen zu haben, ohne sie früher oder später auch zu besitzen. Bei Amazon gibt es die fast alle gebraucht. Das reicht mir. Leider schnalle ich nicht, wie man das da bestellt und ob da noch Kostenfallen versteckt sind. Vom Porto abgesehen.
Frustriert vom Aufwand und der bevorstehenden Lieferzeit, entschließe ich mich doch noch in die Stadt zu gehen. Das Wetter scheint stabil. Ich hole 30 Euro von meiner Bank, die nur Automaten in Stadtmitte zur Verfügung stellt, und betrete Thalia.
Erst wollte ich mir „Zurück im Paradies“ von Fanny van Dannen holen, dann sah ich „Ein Bonbon aus Wurst“ von Helge Schneider. Daneben Serdar Somuncu und ein neues Buch von Harald Schmidt. Ich trete einen Schritt zurück und sehe, dass ich in der Komikerabteilung gelandet bin. So was will ich ja nun überhaupt nicht lesen, so eine fiktive Schreibe. Außerdem konnte ich mich nicht entscheiden. Am Schalter frage ich das Personal nach Büchern, auf die ich mehr Lust habe. Jedes Buch das ich ihr nannte, kommt nächsten oder übernächsten Monat in Taschenbuchform heraus. Da warte ich doch lieber. Schade nur, dass ich es bis zum Release wieder vergessen haben werde. Da mache ich mir nichts vor.
In der Ecke für Jugendbücher fand ich dann Jörg Fauser´s „Rohstoff“, mit Nachwort von BvSB. Gebunden. Das ist es doch. Auch dieses Buch kommt nächsten Monat als Taschenbuch heraus. Das ist mir egal, ich will es jetzt. Nicht egal ist der Preis. 20 Euro. Ich rede mir ein, dass es eine ganz spezielle Sonderedition ist und reihe mich vor der Kasse ein. Vor mir kauft eine Frau ein Buch über das Kartenlegen oder über die praktische Anwendung von Magie oder so. Esoterischer Mist jedenfalls. Es ist als Entgegenkommen zu verstehen, dass die Verkäuferin sie fragt, ob das Buch eingepackt werden soll. Auch wenn es nur Alibi ist, würde ich das Angebot doch annehmen. Sie tut es nicht und entlarvt sich als Spinnerin.
Die Verkäuferin weiß es, ich weiß es und ihr wisst es jetzt auch.
Beim Penny kaufe ich Wasser, Cola im Angebot und Lipton Ice, ebenfalls im Angebot. Dazu Cordon Bleu für Sonntag für insgesamt 6 Euro irgendwas. Da hätte ich auch mit Karte zahlen können.

Mittwoch, 4. März 2009

Versicherungen

"Ich muss Versicherungen checken sonst gibt es noch weniger Rente
wenn ich so weiter mache, brauche ich jede Mark für Medikamente" Dendemann

"Das ist von unserer Seite so minimal kalkuliert, da würde selbst der geizigste Schotte feucht werden unterm Rock." Stromberg

Eigentlich wollte ich über meine inkompetente Maklerin schreiben, der Text war sogar fertig. Dann dachte ich mir: wer will was über fremde Menschen lesen, die ihren Job nicht beherrschen und unsympathisch sind? Dafür gibt es doch die Tageszeitung.
Also jetzt mal etwas positiveres. Dem Klischee zum Trotz, habe ich in meinem Versicherungsvertreter einen fähigen Mann. Was heißt fähig? Er macht keinen besonders fähigen Eindruck, ist aber sympathisch, weil durchschaubar.
Bisher hatte ich drei Termine bei ihm. Beim ersten Termin bin ich noch von Versicherer zu Versicherer gelaufen und habe mir Preislisten ausdrucken lassen und halt verglichen.

Sein Büro ist in derselben Straße wie mein Arbeitsplatz. Ein altes, maritimes Gebäude, das noch von wirtschaftlich besseren Zeiten erzählt. Marmor, breite Treppenläufe und sein Büroschild ist nicht wie üblich neben der Tür angeschraubt, sondern direkt auf die Wand gepinselt. Ich stolzierte ohne Termin in sein Büro, es sollte ja nicht lange dauern. Ich wurde höfflich, fast überschwänglich empfangen. Mir wurde die Jacke entgegengenommen und sofort ein Stuhl angeboten. Alles wurde mir fein säuferlich erklärt und meine dümmlichen, nicht immer ganz ernst gemeinten Zwischenfragen störten auch nicht. Der Herr machte einen lässigen Eindruck auf mich. Hin und wieder gelang es auch mir einen Gag einzubauen. Nach unserem einstündigem Gespräch, wusste ich nicht nur bescheid, sondern hatte mich heimlich bereits entschieden. Beim verlassen des Büros bedankte ich mich für die freundliche Beratung und er meinte, ich solle das mal alles schön in meinem Testbericht erwähnen. Testbericht? Der Honk hat mich für einen Testkäufer gehalten, deshalb auch diese Ausführliche Beratung.
Beim nächsten ausgemachten Termin war er besser vorbereitet.
Er stellte mir eine Fangfrage, auf die ich nicht antworten konnte. Daraufhin rollte er von seinem Schreibtisch weg und schrie:

„HA! Dann kannste auch kein Testkäufer sein. Die wissen so was nämlich!“
„Clever!“

Ich fand zwar, das bewies gar nichts, aber ich hatte mich ja eh schon entschieden. Er meinte, Testkäufer kämen immer ohne einen festen Termin, deshalb sein anfänglicher Verdacht. Meinen Einwand, dass sich dann ja jeder Testkäufer von vornherein verraten würde, wenn das immer so sei, schließlich ist eine terminliche Vereinbarung doch die Regel, winkte er ab.

Ich unterschrieb eine Haftpflichtversicherung, sowie eine Hausratversicherung bei ihm. Im Preisvergleich bin ich absolut zufrieden, dazu kommt noch die gute Beratung natürlich.

Gestern unterhielten wir uns über eine Unfallversicherung.
Wir haben das ganze sehr genau auf den Punkt gebracht. Umso jünger du bist, desto mehr ist die Unfallversicherung nur eine Einstiegshilfe in eine qualitativ beschissenere Zukunft. Man fällt, nur man schlägt nicht mehr so hart auf. Wenn man alt ist, kommt einem das Modell schon eher entgegen. Als ich nachfragte, ob es bei der Police überhaupt einen Break-Even-Point gäbe, musste er den Begriff im Wirtschaftslexikon nachschlagen.

„Wenn sie das eben gegooglet hätten, wäre es mir gar nicht so sehr aufgefallen!“
„Das wichtigste Buch im Studium, neben dem Duden, war das Wirtschaftslexikon! Damals gab es nämlich noch kein Google, das einem die Hausarbeiten schrieb.“

Touché, dennoch irgendwie arm. Seine Rechtfertigungen waren aber insgesamt sehr amüsant. Außerdem gab es keinen BEP, es sei denn man bleibt gesund. Aber da habe ich dann auch nichts gegen.
50 Prozent Invaliditätsrate bei Verlust eines Auges! Eins von vieren, damit kommt man noch gut durchs Leben, sagte ich. Wieder ein Brüller. Dafür waren seine Worse-Case-Scenarios genial.
„Nehmen wir mal an, ein Schwarzer NEIN NEIN NEIN, so wollte ich das nicht sagen… ein Ausländer fährt dir mit seiner gestohlenen Moffa ins Fahrrad. Der ist natürlich illegal im Land. Den kannst du nicht verklagen. Der hat nichts. Dann ist nichts mit Schmerzensgeld…“
This is not America baby, fügte ich in Gedanken hinzu. Noch habe ich mich nicht entschieden. Ich wurde übrigens während der ganzen Gespräche nicht einmal an Stromberg erinnert.

Dinge, die ich mir für das Berufsleben merken möchte:
Zwei Minuten nachdem ich das Büro betrat klingelte das Handy (alter Knochen) des Versicherungsvertreters.

„Ja, Mensch Klaus alter Kumpel, schön von Dir zu hören. Du, passt gerade ganz schlecht, aber erzähl mir doch bitte kurz in drei Sätzen wie es gelaufen ist […] Prima, siehst du! Wie ich es dir gesagt habe. Freut mich, dass ich dir in der Angelegenheit weiterhelfen konnte. Tschüüüüß.“

Ganz schön gerissen was?

Außerdem sollte man einen bescheidenen aber wirkungsvollen Ehering tragen. Es ist mir vorher nie aufgefallen, aber so ein Ding ist ein echter Sympathieträger. Besonders in dieser Branche.

Dienstag, 6. Januar 2009

Handyvertrag - super seriös

„Im Übrigen gilt für den Bürger, dass er das Kleingedruckte in Verträgen genau lesen muss. Das kann ihm der Staat nicht abnehmen.“ Marianne Quoirin von Eichborn



Heute habe ich einen Handyvertrag abgeschlossen. Genau dort, wo man Verträge generell nie abschließen sollte. Am Bahnhof. Das Mädchen, das mir den Vertrag anbot, sah aber auch zu gut aus. Im Gegensatz zu den anderen Menschen am Bahnhof… hatte ich Zeit und war froh, dass so jemand mit mir spricht. Dass das alles ein riesiger Beschiss ist, war mir von vornherein klar, aber so einfach habe ich auf diesem Niveau noch nie meine Handynummer unterbringen dürfen. Es beruhigte mich zudem unheimlich, dass ich von der ersten Minute an geduzt wurde, ohne dass irgendwo das Radio lief. Noch gehöre ich zur Zielgruppe. Bei den überschwänglichen Versprechungen des Handyvertreibers, musste ich fast lachen. Mein dämliches Dauergrinsen hatte auch der angenehmen, überhaupt nicht Vertrauenserweckenden Vertreterin ihren einstudierten, in Doppeltime vorgetragenen Verkaufstext vergessen lassen. Leider kam ich mit meinen, naiv vorgetragenen Fragen nicht dahinter, wo nun genau die Kosten versteckt waren. Profis halt. Während ihr türkisch aussehnender Boss, der übrigens zwei Armbanduhren trug, meinen Personalausweis fotografierte, hatte ich etwas Zeit persönlicher zu werden.



„Ich frage mich was dümmer war, das hier zu unterschreiben oder dem meinen Ausweis zu geben.“

„Das hier zu unterschreiben.“

„Und Du bist sicher, dass der nicht gleich mit dem Ausweis wegläuft?“

„Nee, macht der nicht.“

„na, dann ist ja alles gut.“



Ich erfuhr außerdem, dass so Hochqualifizierte Verkäuferinnen wie sie extra aus Leipzig eingeflogen werden. Da kann man mal sehen wie viel Geld man mit Handygeschenken machen kann. Ich versprach ihr noch, mit meinem neuen Vertrag anzurufen, wenn sie erstmal bei 9Live ihrer Karriere einen richtigen Schub versetzt hat.

Das Lösungswort wird "Widerrufsfrist" lauten. Weiß ich jetzt schon.

Im Zug laß ich das Kleingedruckte und bin auf die Kostenfalle gestoßen. Wurde auch Zeit, drin saß ich ja bereits.

Ganz schön raffiniert wie die das anstellen. Mir fehlt der Schneid für solche Abzockernummern. Bleibt die Frage, was mit mir nicht stimmt.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Teilzeit Part VII - The final Cut

Das war der letzte Tag. Als ich zu Hause ankam, war es 5 Uhr morgens. Perfekter Zeitpunkt um bei der Teilzeitfirma anzurufen. Ich erklärte denen meine Sicht der Dinge und war nach Abgabe der letzten Stundenzettel und der Klamotten wieder ein freier Mann. So muss sich Jesus am Ostermontag gefühlt haben. Aber erstmal war ja Weihnachten. Irgendwo ziemlich schwach von mir die gesamten drei Monate nicht durchgehalten zu haben, aber mir nahm es auch niemand aus meiner arbeitswütigen Familie übel. Das soll schon was heißen. Die Kohle reichte gerade mal um das Semester mit allen anstehenden Besorgungen zu finanzieren. Ein Witz und auch im Nachhinein keine schöne Erfahrung. Die Leute von der Teilzeitfirma ließen mich nur schweren Herzens ziehen. Verständlich bei dem Gewinn den ich eingefahren hatte. Vom Chef der Müllmänner erfuhr ich, dass die für mich 44 Euro bezahlen, davon bekam ich 8 oder 9 Euro. Weiß nicht mehr. Ein Euro mehr jedenfalls, weil ich Hochschulreife hatte. Reif für die Hochschule war ich danach wirklich.

Teilzeit Part VI - Run like hell

"You better run like hell
You better run all day
And run all night
And keep your dirty feelings
Deep inside" Pink Floyd

Ich hatte die Fresse voll von der Teilzeitfirma und ihrer Angewohnheit mir erst im letzten Moment meine Missionen mitzuteilen. Mein Plan war es, am kommenden Mittwoch meinen Kofferraum ordentlich mit Weizenkornflaschen aufzufüllen. Entweder schmeißen sie mich raus, für den Fall würde ich noch zwei Flaschen Korn in meiner Jacke verstecken, oder ich kündige und mache mich als Schnapsbaron selbstständig. So war der Plan. Am Dienstag um 16 Uhr klingelte mein Handy und ich wurde an eine andere Firma ausgeliehen. Genau das meinte ich. Auf nach Minden, Nachtschicht. Für mich war klar, dies ist mein letzter Arbeitstag, also konnte ich die Sache ruhig angehen lassen.

Am Empfang hing ein Zettel für mich mit der Aufschrift: Meister, einmal ums Gebäude, dann Halle 3. Ich saß an einem Fließband einer Firma, die Aschenbecher von und vermutlich auch für Beck´s herstellte. Hier arbeiteten nur geheimnisvoll tuende Inder und Teilzeit Hausfrauen, die in ihrer Freizeit sicherlich von ihren Männern geschlagen wurden. Ich saß in einer Reihe mit zwei weiteren Arbeitern, am Kopf des Fließbandes. Die Aschenbecher köddelten im Schneckentempo aus der Maschine und schlichen an mir vorbei. Sechs Aschenbecher kamen in eine Verpackung. Ich alleine hätte bei diesem Intervall das Fließband jedes Mal Leerräumen können. Damit meine beiden Kollegen aber nicht untätig rum saßen, musste ich 2/3 der Aschenbecher an mir vorbeitrudeln lassen. Ich malte mir aus, wo einer der, oberflächlich leicht mit Terroristen zu verwechselnden, Mitarbeiter eine Bombe verstecken würde. Möglichkeiten gab es genug. Zum Beispiel hinter dem Getränkeautomaten. Dort hätte es mich jedenfalls erwischt. Die Zeit verging nicht. Es gibt einen Grund warum keine Uhren an die Wände solcher Fabriken gehängt werden. Mein perfekt geplantes Verbrechen und den damit verbundenen Lebensabend als Schnapsbaron, hatte ich schnell der Situation angepasst. Ich würde Aschenbecher mitgehen lassen. Okey, ich rauche nicht, aber es gab damals schon genug Idioten, die bereits weiter oben im Text gedacht haben: cool, Beck´s Aschenbecher!
Denen könnte man damit sicherlich eine Freude machen. Ich blieb gewohnt professionell und steckte pro Jackentasche nur einen Aschenbecher ein, sonst klimpert es. Das machte insgesamt drei Aschenbecher. Nur dank meiner Selbstauferlegten Scheißegal-Haltung, drehte ich nicht durch. Dazu kam die Müdigkeit. Als die Schicht vorbei war, ging ich, mitsamt meinem Diebesgut, zu den zuständigen Schichtleitern, oder wie die sich auch immer betitelten, und fragte ob sie mir eine Unterschrift für den heutigen Tag geben würden.
Schichtleiter: „Ich dachte, Du kommst morgen noch mal wieder.“
Ich: „Nein.“

Teilzeit V - It would be so nice

"And no one knows what I did today
There can be no other way
But I would just like to say
It would be so nice" Pink Floyd


Ich durfte ein Crewmitglied der geheimnisvollen Männer in Orange werden.
Nur nicht in Orange. Ich trug zum ersten Mal meine privaten Klamotten, also bis auf die Schuhe. Die Arbeit begann um 6 Uhr und endete in der Regel um 15 Uhr. Super Arbeitszeiten, man hatte endlich noch was vom Tag. Ich war in der Sperrmüllkolonne und fuhr bei einem Typen mit, der seinen Sperrmülllaster von oben bis unten mit nackten Frauen tapeziert hatte. Die Frauen auf den Postern sahen so aus, als ob er die passende Coupé oder Praline bei der Arbeit gefunden hätte. Auf dem Armaturenbrett war eine oben ohne Hawaiianerin, deren Brüste bei jedem Huckel wackelten, als wollten sie zu jedem Schlagloch „ja“ sagen. Den Fahrer nennen wir mal... Kowalski. Sein echter Name war unaussprechlich. Es ist allein deswegen unmöglich für mich ihn fehlerfrei aufzuschreiben und dazu noch der Datenschutz.

Nachdem ich mich in den ersten Tagen akklimatisiert hatte und Fahrer Kowalski und ich uns scheinbar einig waren, dass während der Arbeit nicht geredet wurde, schaute ich jeden Morgen zuerst auf die Route und beschloss die paar Dörfer bis zum ersten Einsatzort zu verschlafen. Das ging in Ordnung, weil mir erstens die teilweise schwere Arbeit nichts ausmachte und ich zweitens immer gut gelaunt aufwachte. Da es langsam auf Weihnachten zuging, war das Trinkgeld recht üppig. Hin und wieder gab es auch Alkohol, den ich leider nicht immer zwischen den kaputten Sofaecken, Bettlatten und Kommodenschubladen gefunden hatte und ihn ausversehen mit in die Presse beförderte. Seitdem wurde ich bei jedem Klirren gefragt, was da gerade eben über meine Schulter, direkt in die Müllpresse geflogen kam. No look Entsorgung, quasi! Und ich sagte stets: Nachttischlampe. Neben dem Trinkgeld wurde die Kasse mit Kupfer aufgebessert. Kupfer ist das Gold der Müllmänner, es sei denn, jemand findet Gold. Kam aber meines Wissens nach nicht vor. Ich habe mir sagen lassen, dass ohne diesen Nebenverdienst das Gehalt nicht ausreichen würde. Die Gehaltseinsparungen waren natürlich auch meine Daseinberechtigung.

Im Gegensatz zu dem Trinkgeld, wollte er meinen Humor nicht mit mir teilen. Eines Tages mussten wir eine komplette Küchenzeile zerkleinern. Es war die hässlichste Küche, die ich je gesehen habe: Schachbrettmuster.
Ich: „Wer wohnt hier? Gottlieb Wendehals?“ – Nichts.
Als wir einen Berg kaputter Fernseher abholen mussten, antwortete ich auf seine Vermutung, dass hier wohl jemand leidenschaftlich Fernseher repariere, mit:
„Oder ein Schalke Fan wohnt im zweiten Stock!“ – wieder Nichts.
In einem eher herunter gewirtschafteten Stadtviertel wurde ich nach meiner letzten Tetanusspritze gefragt und ich antwortete mit:
„Beim letzen Haus hatte ich eine in der Hand!“ - Noch nicht einmal ein Schmunzler. Mensch Kowalski, mach es dir doch nicht schwerer als es ohnehin schon ist, dachte ich.

Das Ghetto war am besten. Die Leute dort warfen zeitgleich mit unserem Antreffen die Möbel aus dem Fenster. Remmi Demmi. Kinder spielten in den zwei Meter hohen und vierzig Meter langen Sperrmüllhaufen. Man musste aufpassen, dass man kein Nachtschränkchen auf den Kopf bekam oder eines der Kinder mit einlud. Die dachten vermutlich auch: Hauptsache raus hier, egal zu welchem Preis. Was dem Fahrer das Kupfer war, war für mich Vinyl. Ich habe tatsächlich tadellose Pink Floyd und Udo Jürgens Platten gefunden.
Kowalski: „Hast Du Müll mit in den Laster genommen?“
Ich: „Nee, nur ein paar Platten von Pink Floyd!“
Kowalski: „Sag ich doch, Müll.“ - Lustig Kowalski, saulustig.

Eine weitere Affinität hatte Kowalski VHS Kassetten gegenüber. Ich fragte ihn, aus einem wiederholten Anflug von Humor, ob er eine Kopie von Dirty Dancing noch gebrauchen könnte. Kowalskis aufschäumendes Interesse verwunderte mich etwas.
Kowalski: „Dirty was?“
Ich: „Dancing!“
Ich wollte gerade anfangen „I´ve had the time of my life“ zu singen, als er mich unterwies, jeden Porno den ich finden würde zum Kupfer zu legen. Es war nie ein Porno dabei, obwohl man nie wissen kann.
Einen von fünfzehn Mülltagen wurde ich der Altpapierkolonne zugeteilt, was einen neuen Fahrer bedeutete. Dieser Fahrer redete, im Gegensatz zu Kowalski, ununterbrochen. Was für mich bedeutete: No Sleep till Feierabend. Dieser Mann hatte eine Angewohnheit, die ich bisher nur von Frauen kannte. Er band unbekannte Personen in seine Reden ein, die er weder mit einer kleinen Erklärung noch mit Nachnamen versah. Bei Prominenz ist das ja auch kein Problem... So kam es, dass er im vorbeifahren erwähnte: "und hier wohnte Jürgen Fliege!" Bevor er weiter schwadronieren konnte, hakte ich nach.
Ich: „ DER Jürgen Fliege hat da mal gewohnt?“
Fahrer: "Ja, ich habe mit dem frührer Volleyball gespielt!“
Ich: „Hätte nie gedacht, dass ein Pastor Volleyball spielt!“
Fahrer: „Ja, der ging immer richtig zur Sache.“
So ging das eine ganze Weile. Ich fragte und der Fahrer antwortete, zu meinem wachsenden Erstaunen, wie selbstverständlich. Erst eine halbe Stunde später, als ich auf Flieges Buchtitel „Sehnsucht nach Heimat: Entdecke die Wurzeln, die dich tragen“ zu sprechen kam, wurde er stutzig.
Fahrer: „Du meinst wohl den Fernsehprediger, Jürgen FLIEGE.“
Na klar meinte ich den. Später erfuhr ich, dass es um einen anderen, zivilen Jürgen ging, der fast genau so hieß… das kommt davon, wenn man nicht richtig zuhört oder man nicht vernünftig erklärt wer gemeint ist. Nach drei Wochen kam wieder ein Anruf aus der Teilzeitfirma. Ich hatte zwei unbezahlte Tage frei und am folgenden Mittwoch sollte ich in die Strothmann Brennerei. Weizenkorn ist gemeint, für alle mit einem besseren Geschmack.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Teilzeit Part IV - Coming back to life

"While the days slipped by
from my window watching" Pink Floyd

Schon wieder musste ich sehr weit für meine Mission fahren. Erfahren hatte ich das um 5 Uhr morgens am Telefon. Viel zu kurze Wegbeschreibung für einen viel zu langen Weg und ab ins Auto. Ich kam nur eine Stunde zu spät zu meinem neuen Job als Fensterbauer. Die Kunststofffenster wurden am Rollband in Fließbandarbeit zusammengesetzt und letztendlich verladen. Es war wie damals im Werkunterricht. Über den großen Werktischen hingen Bohrer, Heißluftklebepistolen, Druckluftdinger und Stromverteiler herunter. Ich wurde fast ans Ende der Produktionskette eingeteilt. Meine Aufgabe war es, die Unterlegscheiben für das Fensterglas einzusetzen und wenn sie nicht hielten, eben auch festzukleben. Links neben mir stand ein Familienvater der hier seit geraumer Zeit arbeitete und Angst um seinen Job hatte. Er fragte mich sehr genau über die Arbeitsbedingungen bei der Teilzeitfirma aus. Ich erzählte ihm, dass die Arbeitsvermittler jeden Mitarbeiter primär in seinem erlernten Beruf einsetzen würden. Ihn, der schon so lange Erfahrungen auf dem Fenstersektor gesammelt hatte, würden die nicht, so wie mich, ins Moor jagen oder sonst wohin. Nachdem ich ihm erzählte, ich hätte mich von vornherein als Produktionshelfer ausgegeben, merkte er an, dass ich neben ihn stehen und dieselbe Arbeit verrichten würde wie er. Oh. Gibt es den Beruf „Fensterbauer“ überhaupt? Etwas Unruhe machte sich breit.

Zu meiner Rechten stand ein Mensch, selbst so groß wie die 2m Fensterelemente, die wir herstellten und mindestens genauso breit. Er hatte etwas von einem Indianer. Heute würde ich sagen, er sah aus wie der Wrestler und Schauspieler „The Rock“. Er beförderte ohne Hilfmittel die fertigen Fenster mühelos in den Laster. Somit war er für den letzen Arbeitsgang zuständig, die Fenster in die Fassung setzen, ankleben und die Sprossen vorknallen. Fertig. Hin und wieder setze auch ich die Scheiben für ihn ein. Endlich Verantwortung.

Am zweiten Tag bekam ich Handschuhe, weil ich das Pflasterfach im Erstehilfekasten leer gemacht hatte. Die Fensterscheiben haben, trotz ihrer Dicke, doch sehr scharfe Kanten. Die beiden Kollegen waren nett, die Arbeit war okey und auch sonst konnte man es hier gut aushalten. Es war das erste Mal, dass ich nicht ausrechnete wie viel ich mit jedem Handgriff verdiene. Das einzige was mich nervte, war der lange Hinweg. Ich begann im Dunkeln und fuhr im Dunkeln nach Hause. Es gab zwar reichlich Fenster in der Halle, aber man bekam trotzdem die Sonnendämmerung nicht mit. „The Rock“ schenkte mir seine Mitarbeiterkarte für den Getränkeautomaten und ich setze ab jetzt für ihn die kleineren Fensterscheiben ein und half ihm beim Einladen. Er kloppte mir auf die Schulter, wobei er sie fast abriss und meinte, wenn ich mal ordentlich was essen würde, könnte aus mir auch mal ein richtiger Kerl werden. Den Ratschlag befolge ich bis heute. Und, was soll ich sagen? er hatte Recht! In den drei Tagen bekam ich eine Vorstellung davon, dass ich es vielleicht doch bis zum Studienbeginn im März aushalten konnte. Ich hatte mich bewert, die Jobs wurden so langsam humaner. Die nächste Mission lief unter dem Decknamen: Müllabfuhr.

Teilzeit Part III - Brain Damage

"Rut mit´n Torf, hau rin und hohl rut, das matscht so schön und tut so gut" Torfrock

Meine dritte Mission führte mich an den Rand meines Orientierungssinnes. Ich wurde in einem Moorgebiet eingesetzt, eine Woche lang. Von den Torffeldern wurden Galeeren mit Torf zu der entfernten Verarbeitungsfabrik transportiert. Dort saß ich, direkt an den Schienen. Mein Job war es die Galeeren maschinell zu kippen, sodass der Inhalt in ein alles zermalmenden Moloch rutschte. Die erste Schicht bestritt ich noch begleitend mit einem Arbeiter. Obwohl ich nichts tun musste außer zuzuhören, wurde der Tag bezahlt, weshalb ich nervig gut gelaunt war und nicht zuhörte. Drei Knöpfe musste ich drücken, wie schwer könnte das schon sein? Das Stoppen, Einrasten, Kippen, Lösen der Raster und weiter fahren lassen der Galeeren hatte einen ganz bestimmten Rhythmus, damit die Maschine nicht verstopft. Falls das mal eintreffen sollte, musste ich die Maschinen stoppen und den Durchlauf reinigen. Immer wieder wurde mir von allen denen ich begegnete geraten niemals, wirklich niemals, die Hände in den Durchlauf hineinzustecken. Wieso sollte ich das tun?

Ab dem zweiten Tag wurde ich auf mich allein gestellt. 80 Wagen rollten in einer Schicht durch. Das entnahm ich dem Notizbuch, in dem jede Entleerung mit einem Strich notiert wurde. Ich hatte mir mein eigenes Buch mitgebracht.
Die Maschine verstopfte Stündlich. Als ich einen Besenstiel zum nachstopfen benutzte, wusste ich warum man niemals, wirklich niemals, seine Hände in den Durchlauf halten sollte. Der Besenstiel ist ein Gewesener, wie John Cleese sagen würde. So kleingehäckselt wie der Torf selber. Nicht nur das ständige Verstopfen der Maschine trieb meinen Durchschnitt in den Keller, sondern auch diverse Entgleisungen, Kettenrisse und Pinkelpausen. Außerdem fror ich mir den Arsch ab, was erschwerend hinzukam. Einmal habe ich während der Mittagspause eine Unterhaltung von zwei Mitarbeitern belauscht. Ich traf dort sonst niemanden und war deshalb sehr empfindsam für menschliche Stimmen. Es hieß, dass die Arbeiter auf dem Feld kaum Galeerennachschub bekamen. Meine Schuld, klar. Ich bog schnell in einen anderen Ruheraum ab. Weiter oben und weiter hinten. Der Raum war größer und schöner eingerichtet und immer leer. Seitdem verbrachte ich meine Mittagspausen nur noch dort. Leider teilte ich dieses Versteck mit einer der Putzfrauen. Sie erzählte mir immer grausige Geschichten über das Moor. Einmal soll ein Mann seiner Zukünftigen in einem Heißluftballon über dem Moor gerade einen Antrag gemacht haben, als dessen Brenner das Methan, das sich über dem Moor sammelt, entzündete. Alle tot. Sie erzählte von ihrem Sohn in meinem Alter und der beschissenen Wirtschaftslage, die schuld daran sei, dass ein so netter junger Mann wie ich hier arbeiten müsse. Von meinen Studienplänen habe ich ihr nichts erzählt. Ich genoss das Mitleid.

Am vierten Tag entdeckte ich, dass gegenüber von mir ebenfalls jemand die Wagen zum kippen brachte. Ein Kollege. Ein sehr behäbiger Kollege. Er wußte was er tat und fiel deshalb kaum auf. Hätte er den Blaumann gegen ein Weihnachtsmannkostüm getauscht, hätte er mit seinem Rauschebart und seiner Plauze auch den Weihnachtsmann geben können. Aber er meinte, wenn du Blähungen hast, bekommst du nirgends einen Job als Kaufhausweihnachtsmann. Da war was dran. Er machte sich über meine miese Quote lustig und gab mir ein paar Tipps. Ich sollte die Maschine leer laufen lassen usw.

Am fünften und letzten Tag wurde ich mit einem viel zu kurzem Besen in den Bauch jener Maschine geschickt. Alles war völlig mit Torfschnipsel übersät. Was ich da an einem Tag zusammenfegte, habe ich nicht in der gesamten Woche durch den Moloch gejagt. Wenigsten war es warm da unten. Und der Tag geht durch ehrliche Arbeit auch viel schneller rum.
Mein Auto war überdurchschnittlich verschmutzt. In jeder Ritze saß Torf. Selbst im CD-Player lag eine CD von Klaus Büchner. Neue Woche, neue Mission. Ich fühlte mich schon wie eine richtige Doppelnull.

Teilzeit Part II - A new Maschine

"I will always be here
I will always look out from behind these eyes
It's only a lifetime" Pink Floyd

Meine nächste Mission führte mich nach Hannover. Ich sollte mich vor der Ortsausfahrt mit jemanden treffen und eine Fahrgemeinschaft bilden. Ich kam extra früher und habe mein Auto im hintersten Eck geparkt.
„Sorry, ich wurde gebracht, Du kannst doch sicherlich fahren?“.

Ich wusste im voraus von unserem Chef, dem Menschenhändler, dass mein Mitarbeiter Auto und Führerschein hatte und theoretisch das Fahren übernehmen könnte. So ersparte ich mir unnütze Diskussionen. Fahrgeld wurde nämlich nur sehr spärlich gezahlt. Nach einer ruhigen Fahrt in Hannover angekommen, warteten wir erstmal eine halbe Stunde in einem unklimatisierten Raum. Unsere Aufgabe war es, für das Weihnachtsgeschäft Bestellungen verschiedenster Zusammenstellung zu verpacken und zu verladen. Ich war für das Zusammenstellen und Verpacken zuständig. Das „Ameise“-Fahren überließ ich anderen. Drei Typen arbeiteten fest im Lager der renommierten Firma, die Verantwortung über den Warenausgang hatten zwei ratlos wirkende Studenten.

Die drei Festangestellten Arbeiter hätten unterschiedlicher nicht sein können. Zum einen ein kleiner, dünner Lockenkopf, der ständig mit Kopfhörern rum lief, aber diese Riesendinger, wie sie Copiloten tragen. Er blätterte jede Pause in seinem Technik Katalog herum und murmelte so was wie: „Man, krass, Mini Disc wird das nächste große Ding“. Er zeigte mir aus einem seiner Kataloge einen Ohrensessel mit eingebauten Kopfhörern und einem integrierten Mini Disc Player. Darauf würde er sparen.
Zum anderen war das ein stummer Türke, den man nur hin und wieder durch die weit verwinkelten Gänge der Lagerhalle fluchen hörte. „Scheiße! Drecks Schnee“.
Gemeint war der Kunstschnee, den er über den kompletten Gang verteilt hatte. Aber der Beste und der heimliche Chef des Ganzen war der Dritte im Bunde. Fetti Fetti Fett Fett. Ich habe ihn so getauft, weil er kein Doppelkinn hatte, sondern ein Doppelgesicht. Eine durchgängige Wulst stülpte sich im Ansatz rund um über sein Erstgesicht. Außerdem war er der einzige, der den Gabelstapler fahren durfte. Ich hätte behauptet, er wurde in dem Stapler hineingeboren und wohnte jetzt in dem kleinen Gehäuse, wenn er nicht zu den Pausen mit uns am Tisch gesessen hätte. Er ersäufte einen Zwieback in seinem Kaffee und ließ ihn sich komplett mit der schwarzen Tunke voll saugen, daraufhin ließ er ihn in einem Haps dort verschwinden, wo ich seinen Mund vermutete. Ich muss abnehmen, kommentierte er den, sich bis zu 10-mal wiederholenden Ritus. Scheinbar dachte er, mein entsetzter Gesichtsausdruck galt der geringen Menge, die er sich einverleibte.

Fetti war deshalb der heimliche Chef, weil er uns immer wieder antrieb. Egal wie schnell wir arbeiteten, es langte nie. Als ich mit meinem Hubwagen unwissend auf einen der breiteren Zwischengänge geriet, hupte Fetti schon vom Weiten.
„Weißt du warum ich in diesem Stapler sitze und du diesen Einkaufswagen durch die Gegend kutschierst?“
Meine Theorie mit seinem Geburtsort und der Fettleibigkeit habe ich für mich behalten…
„Na, weil ich weiß, wie man damit umgeht! Hier ist eine gelbe Linie, das bedeutet nur für Stapler!“
Alles klar, ich trottete ab. Kurz darauf sah ich, wie er den Türken auf die Gabeln lud, um ihn, balancierend, etwas aus den höheren Regalen holen zu lassen.

Am nächsten Tag stand ein neuer Kollege am Treffpunkt. Pole, vielleicht fünf Jahre älter als ich. So ein bauernschlauer Berufsschulhof Coolio.
„Ey, können wir deine Karre nehmen, ich wurde gebracht.“
Verdammt, das war nicht nur meine Strategie, er besaß sogar die Dreißtigkeit sie gegen mich einzusetzen. Was sowas angeht, bin ich normalerweise beidfüßiger als Pele, aber ausgerechnet dieses mal entpuppte sich der linke Fuß als der Schwächere. Er musste Mitleid mit mir bekommen haben, so verschreckt wie ich da stand.
„Ach, egal, dann fahren wir mit meinem Karren.“
Es handelte sich dabei um einen tiefer gelegten BMW, mit allem Schnick Schnack. Er bretterte über die B6 und erzählte mir wie viele Menschen sich hier wegen der dummen Raserei totführen. Dabei war er während seines Monologes quasi nur auf der linken Fahrbahn, meine Fingernägel waren im Armaturenbrett. Ich fragte ihn, wie er sich das Auto leisten könne und vor allem, wieso er dann bei einer Teilzeitfirma maloche. Er beschiss das System. Offiziell hatte er gar keinen Schlurren. Er vertickte Versicherungen an junge Ehepaare auf Mallorca. Das wäre auch sicher was für mich, schwor er. Der Job war gemeint, nicht die Versicherung. Im Winter sei er dann bei der Teilzeitfirma, wenn er nicht krankmache. Ab dem Moment hörte ich ihm nur noch zu. Er erzählte von dem Autolackierer Job bei seinem Onkel. Worauf man achten muss, wenn man seine Karre pimpt. Wo er seine Musik runterlädt. Wie man sich um die Maloche drückt. Wie man mit der „Ameise“ umgeht und wie man unbemerkt über die gelben Linien gehen kann.
Als er mich wieder am Treffpunkt absetzte, sah er wie ich zu meinem Opel Corsa A ging, hupte und brüllte mir hinterher:
„Sag das nächste mal gleich, dass du so eine Schrottlaube fährst, dann hätten wir sofort meine Karre genommen.“
Ein nächstes Mal gab es nicht, ich hatte bereits eine neue Mission bekommen.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Teilzeit Part I - Welcome to the Maschine

"Welcome my son, welcome to the machine.
Where have you been? " Pink Floyd

Nach dem Fachabitur wurde ich zur Musterung geladen. Der Unterschied zu meinen Altersgenossen war, dass ich insgesamt dreimal zu den albernen Tauglichkeitstests aufgefordert wurde. Das Kreiswehrersatzamt konnte sich damals nicht entscheiden, ob sie mir meine Untauglichkeit für den Wehrdient abkaufen sollten oder nicht. Diejenigen, die sich am meisten wehren, ziehen sie am liebsten ein, mit diesen Worten beglückwünschte mich der Beamte zur meiner Ausmusterung. Die Einschreibefrist für das Sommersemester war bereits verstrichen und so verlor ich ein halbes Jahr.

Zeit zum Malochen, wie meine Eltern meinten. Also meldete ich mich bei einer Teilzeitfirma an. Die nehmen jeden! Und so war es dann ja auch. Ich war ab sofort Produktionshelfer. Die Klamotten (Blaumann und Sicherheitsschuhe) bekam ich von der Teilzeitfirma gestellt. Bereits bei der Anprobe wusste ich, dass ich in dem Laden nicht lange bleiben werde. Mein erster Arbeitstag war bei einer Firma, die die Innenverkleidung für den VW Golf herstellt. Ich wurde freundlich von einem Schlipsträger empfangen und schnell um das Hauptgebäude, Richtung Werkhallen geführt. Er fragte mich, was ich denn noch so in meinem Leben vorhätte. Ich erzählte von meinen Studienplänen, woraufhin er trocken antwortete: „Schön wenn man Träume hat“. Es klang so, als ob er das schon öfters gehört hätte, womöglich würde ich die Urheber dieses Satzes gleich persönlich kennen lernen. Er öffnete die schwere Brandschutztür, auf der von innen groß „Notausgang“ stand, und meinte, mich würde ein gewisser Herr Demetri einweisen. In der Halle war es lauter als der 2. Weltkrieg. Ich bummelte durch die riesigen Hallen und fand insgesamt fünf Demetris. Keiner wusste irgendetwas. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde sich mir jemand gewahr und stellte mich an ein Fließband am Ende der größten Halle ab. Ich war dafür zuständig die ausgestanzten Kunststoffverkleidungen vom Fließband auf einen Rollwagen zu packen. Mit System. Links und rechts von mir standen zwei Russen und lachten. Über mich. Da war ich mir sicher. Ich vermutete, dass die Maschine zu schnell eingestellt war. Ein Ritual, das an den Frischlingen praktiziert wird. Frühstückspause.

Zwischen Hallenwand und Fluchtzaun gab es einen schmalen Grünstreifen, der als Pausenraum gedacht war. Insgesamt zwei Gartenstühle für acht Personen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mir meine neuen Kollegen mal genauer anzuschauen. Selbst Stevie Wonder hätte bemerkt warum wir hier waren. Wir waren Versehrte. Von einem habe ich erfahren, dass er einen schweren Motorradunfall hatte und kurz nachdem er im Krankenhaus aufgewacht war, sich hier wieder fand. Ansonsten drehten sich alle Gespräche um das brennen von Filmen. Die Spätschicht ging weiter. Es war alles so trist. Selbst der für uns vorgesehene Notausgang lag in fünf Meter Höhe und war somit unerreichbar. Nach meiner groben Einschätzung gab es hier noch nicht einmal genug Arbeiter, die erst gegen die Hallenwand hätten rennen müssen, damit wenigsten einer von uns lebend aus dieser Todesfalle hätte entkommen können. Acht Stunden später, endlich endlich war die Schicht vorbei. Man verliert bei Lärm und monotoner Arbeit vollkommen sein Zeitgefühl. Die Rückfahrt war die pure Erleichterung. Selten bin ich so gerne Auto gefahren.

Der zweite Tag war bereits ein Freitag, wieder Spätschicht. Dieses Mal habe ich alleine in die Halle gefunden und schaute mich genauer um. Ich suchte einen Ohropax Spender oder zumindest eine Kiste wo ich mein Gehirn hineinpacken konnte. Highlight des Tages war, dass ich erstmals mit einer „Ameise“ fahren durfte. Natürlich nur solange, bis mein Fahrstiel lauter als der durchschnittliche Maschinenlärm wurde. Ich eckte überall an. Das Resultat war die Verbannung zurück ans Fließband. Ich weiß noch, wie ich in der Pause mich mit den Worten „ich wünschte ich wäre tot“ vom Fußballtraining abmeldete. Die Schicht ging aufgrund des nahenden Wochenendes schneller von der Hand.
Als ich vor dem Drehkreuz zu den Parkplätzen stand, ließ dieses sich nicht drehen. Es war Winter und bereits dunkel. Kurz, ich erkannte das Problem nicht. Aus Verzweiflung kletterte ich über den Zaun. Oben angelangt, kam die Nachtschichttruppe mir entgegen und ging geradewegs durch das Drehkreuz unter mir. Auf dem Parkplatz fragte mich ein Nachzügler der Nachtschicht, ob ich meine Karte verloren hätte. Was für eine Karte? Die haben mir nie eine Karte gegeben. Wie sich herausstellte, war dies auch nicht nötig. Montag sollte es woanders hingehen. Die beiden Tage waren nur dafür da, um mich gefügig zu machen. Behaupte ich.

Dienstag, 8. Juli 2008

Kraft mal Weg

"Ich guck noch mal in die Flasche wie spät das ist" Brösel

"Wenn Arbeit hier nicht Kraft mal Weg ist, widerleg es!
Denn als nächstes bewege ich Träges als wäre es Tetris" Aphroe

Im Oktober und November 2007 habe ich die Gelegenheit bekommen ein wenig Geld zu verdienen. Endlich wieder. Ausgemalt habe ich es mir schon... ich betrete die Bank und knall ein Bündel Scheine auf den Tresen. Daraus wurde zwar eher eine heimliche Überweisung vom Automaten aus, dennoch wurde ein Kasten Bier gekauft und angestoßen. Die Zahlungsmoral war gut und überschau - Bar. Schuldenfrei und Spaß dabei, trotzdem hatte ich daraufhin kein Geld zur Verfügung. Auch die Hoffnung, das Verschwinden des Solls schlägt sich positiv auf meine Gefühlslage nieder trat nicht ein. Ich habe wahrscheinlich nicht fest genug daran geglaubt.
Ich war Handlanger / Gerüstkellner und (Achtung Wortspiel) Bewehrungshelfer auf einem Bau. Einfamilienhaus. Wer jetzt schlimme Wortspiele erwartet (s.o) ist hier an der falschen Adresse. Wortspiele wie Mörtel Kombat oder Kalk Fiction sind gemeint. Ich arbeitete mit den Maurern zusammen. Nee, ich arbeitete für die Maurer. Maurer sind die Diven des Baus. Alles muss denen in die Hand gelegt werden. Nur das Bier holen sie sich hin und wieder selber. Ich brauchte nie auf die Uhr zu schauen, ich machte anhand der verbleibenden Bierflaschen im Kasten klar, wie lange noch gearbeitet wurde. Schön Kasten Herforder Handgranaten 27 Flaschen. Früher 30 Flaschen. Früher hätte ich länger arbeiten müssen. Ich selber trank nichts. Bei dem Tempo in den frühen Morgenstunden hätten die mich am Feierabend jedes Mal aus der Regenwassertonne fischen können. Der 11 Uhr Zug war mir ja bekannt, aber die eindutzend Sonderfahrten waren mir neu. Jedes Mal, wenn der Bauherr vorbeischaute, wurde der Ton etwas schärfer und man sollte plötzlich drei Dinge auf einmal erledigen, unter anderem die leeren Bierflachen einsammeln und verstecken. Dabei kam mir der Herr Bauherr überhaupt nicht streng oder wie ein Lehrer vor, eher sehr unentschlossen und unstetig. Ständig mussten Änderungen vorgenommen werden.
Alles hier, außer mir, hatte einen Kosenamen bekommen. Die große Steinsäge hieß zum Beispiel: „das Moped" und der Bolzenschneider hieß: „Mattenschere". Ich habe mir nicht alles merken können, aber Mörtel hieß jedenfalls: „Mucks".

- „Ma`ma Mucks!" hörte ich oft.

Egal voran ich drehte oder rüttelte, irgendwer drehte und rüttelte ein zweites Mal daran und sagte: „SO!" Das machte wenig Spaß. In den Pausen wurden Geschichten vom Bau erzählt. Von spektakulären Unfällen und unangekündigten Kontrollen vom zuständigen Amt war da die Rede. Es erinnerte stark an den Film „Was nicht passt, wird passend gemacht".
Ansonsten lallten (die Maurer), nuschelten (ich) wir herum und der Mischer knatterte so laut, dass ich mich nicht mehr denken hören konnte. Trotzdem verstanden sich alle offensichtlich prima.

- „Kannst... rüttel, schramm ...von draußen... Schepper, Schepper ...schnell holen?"
- „Yo!"

Ich hatte Blasen an den Füßen. Ich sollte öfters privat meine Arbeitsschuhe tragen und Frühaufstehen üben. Aber das Wetter war toll. Goldener Oktober

kaputt malocht

Die fünf wichtigsten Benimmregeln auf dem Bau:

- Nirgends anlehnen
- Mit einem gepressten „YO" antworten. Das klingt immer schwer beschäftigt.
- Hölzer, besser noch Metall, immer knallen oder scheppern lassen. Das klingt noch mehr nach Beschäftigung.
- Mittrinken
- Imperativ

Donnerstag, 20. September 2007

Die großartigen Bayern

„Der Verein sucht sich seine Fans aus, nicht der Fan seinen Verein“ Christian Ulmen

"Das verstehen dieses Textes trägt zum Inhalt des Textes bei." Smudo

"Sorry, Bayern München spielt" Olli Banjo

das alte, häßliche Gesicht des FC Bayern München

"Was? Du bist Bayernfan? Bis eben warst Du mir noch sympathisch." Das höre ich oft. Aber Bayernfan zu sein ist nur die logische Konsequenz aus guten Geschmack. Jeder mag doch anspruchsvollen Fußball, sprich schnelle Kombinationsspiele, seriöses Auftreten, Namen, Charaktere und seit neuestem auch Talente aus der eigenen Schmiede. Es gibt viele gute Argumente für die Bayern und viele lausige gegen sie. Menschen, die wissen, dass sie George W. Bush doof finden müssen, genau wie die Bild Zeitung und eben den FC Bayern München, kommen einem immer mit: „Da kannste ja gar nicht ins Stadion fahren. Das ist soweit weg!“ Natürlich kann man da ins Stadion fahren. Man muss eben nur etwas weiter fahren. Aber dafür macht es auch viel mehr Spaß. Wer zu Auswärtsspielen seines Vereins fährt, der weiß was ich meine. Nur aus geographischer Bequemlichkeit sich einem „heimischen“ Verein anzuschließen ist recht arm. Michael Jackson werde ich wohl auch nicht mehr live erleben, trotzdem gefällt mir die Musik. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass viele nicht Bayernfans, also Bayernhasser, nicht mit dem Glamour zurechtkommen. P 1, BMW, hübsche Frauen und riesige Gagen. Da fühlt sich der kleine Mann unwohl. Ein anderes altersschwaches Argument ist: „die kaufen doch nur die anderen Mannschaften kaputt.“ Richtig und nur selten haben sie sich dabei selbst gestärkt. Aber Niemand, der seiner Zeit voraus war, hatte es jemals leicht. Bayern denkt als einzige deutsche Mannschaft international und Uli Hoeneß ist der vielleicht beste Fußballmanager der Welt. Obwohl, die Welt ist groß.

Wer für alle 18 Vereine in der Bundesliga einsteht, der wird nicht mehr ernst genommen. Ein Trugschluss ist es stattdessen einfach gegen Bayern zu sein. Dann ist man wenigstens auf der Seite der anderen 17 Vereine. Solche Leute werden ebenfalls nicht ernst genommen! Das sollte Jedem einleuchten. Wer im Ruhrpott in Dortmund, Schalke, Bochum und Duisburg aufgrund seines Fußballfachwissens einen ausgegeben bekommen möchte, der sollte nicht einfach über Bayern herlamentieren, sondern sich bewusst sein, dass er mindestens dreimal eins in die Fresse bekommt!

Früher hörte man auch gerne: „Die haben doch nur Geld!“ Woher das Geld kommt, darüber wird nicht nachgedacht. Tipp: es ist kein neureicher Russe. Es gibt auch den Typ: „eigentlich interessiere ich mich nicht für Fußball, aber Bayern geht gar nicht. Wenn, dann St. Pauli oder FC Freiburg. Die finde ich gut.“ Was für ein mutiges Geständnis. Ich ergänze dann immer stellvertretend für diese Menschen: und mein Lieblingsalbum ist das Weiße von den Beatles.

Am meisten unter den dümmlichen Ansichten leiden die Spieler, die zum FC Bayern wechseln. Charakterlos, geldgeil werden diese tituliert. Natürlich sind die Fans sauer, dass ein guter ihren Verein verlässt. Was aber immer nicht berücksichtigt wird, weil der Rufmord in der Stammkneipe ja gerade soviel Spaß macht, ist, dass diese Spieler vielleicht schon immer bei Bayern spielen wollten. Sie spielen dort mit den besten zusammen was die Bundesliga zu bieten hat und gegen die besten was Europa zu bieten hat. Und charakterlos (Mehmet Scholl, Oliver Kahn, Jürgen Klinsmann, Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Uli Hoeneß, Sebastian Deisler, Thomas Strunz, Giovanni Trappatoni, Mario Basler, Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Franck Ribery, Karl-Heinz Rummenigge… alle nur ein Schatten ihres Kontos?) ist der größte Quatsch. Die tollsten Eskapaden werden einem vom FC Bayern geliefert. Es ist nie langweilig. Ich will als Fan einen Uli Hoeneß, der vor dem ersten Spieltag ansagt: „Wir werden Meister!“ und keinen kleinlauten Hampelmann, der mit 10 Punkten Vorsprung bei noch 3 verbleibenden Spielen, den Underdog raushängen lässt (gesehen bei Klaus Allofs). Sekundärscharm. Bei Bayern gibt es kein verlogenes Rumgedruckse. „Ja… mmmh… wir müssen ja nicht… mmh… nu… ein Punkt reicht uns…

Jeder kennt einen, der aus der Klausur kommt und sagt: „das lief nicht gut, ich habe bestimmt eine 5.“ Er weiß es besser, du weißt es besser, aber keiner traut sich etwas zu sagen und später hat er eine 2. Es könnte ja anmaßend klingen. Uli Hoeneß kommt aus dieser Klausur und sagt: „ich habe gelernt, ich fand es leicht, alles unter einer 1 wäre eine Enttäuschung.“ Also, ich finde das besser so.


Die letzte Saison war im Grunde die beste Saison für mich als Bayernfan. Endlich zahlte sich meine jahrelange (25) Treue zum FC Bayern aus. Eine total verkorkste Saison. Endlich durfte ich mal lautstark zu meinem Verein halten ohne den Neid. Übrigens, Real Madrid finde ich ebenfalls klasse.

das neue, häßliche Gesicht des FC Bayern München

Montag, 11. Juni 2007

Make Money all over again

„36 Grad und es wird noch heißer“ 2Raumwohnung

„Scheiß Maloche. Ich wünschte, ich hät` ne Zeitmaschine wie der Typ in Zurück in die Zukunft, dann würde es Knall machen und es wäre Freitag.“
Tom Gerhardt in Voll Normal

Vor Wochen wurde ich gefragt, ob ich Zeit und Lust hätte mir ein wenig Geld nebenher zu verdienen. Nebenher ist gut, überhaupt mal Geld verdienen wäre schon super. Es war die Rede von „einwenig schaufeln“. So ein Bauer will eine Güllegrube ausheben und braucht Leute die mit anpacken. Ich war sofort dabei. Das bisschen schaufeln und dazu noch Muskeln gratis. Sechs Euro die Stunde. Montag den 4. Juni wurde ich angerufen, Dienstag ging es dann los.

Nennt mich ruhig einen verweichlichten Studenten, aber…

Dienstag, 5. Juni

Um 9 Uhr sollte ich an der Baustelle sein. Es wird heute heiß werden sagen die „gute Laune Spacken“ aus dem Radio. Die abgelegene Baustelle ist eine 40 x 40 m große Sandkiste mit einem Schnurgerüst und viel Acker drum herum. Anstatt eines Bauern, sehe ich zwei Arbeiter in einem Kleinbus, mit ostdeutschem Kennzeichen, sitzen. Das erste was der Chef der beiden, nennen wir sie Röhrich und Eckhart, zu mir sagt ist: „Wenn einer fragt, dann sagst du, du hast schon immer für mich gearbeitet und hast voll den Plan von dem was wir hier machen.“
Wir verlegen ein Rohrsystem für den Gülleabscheider. Den Zeitpunkt, zu sagen, dass ich Bauingenieurwesen studiere und voll den Plan von dem habe was wir hier machen, habe ich jetzt verpasst. Röhrich liest den Plan falsch, er rechnet mit den falschen Zahlen und stellt das Nivelliergerät falsch ein. Ich mache es für ihn. Weiß der eigentlich was Ingenieurstunden kosten? Mehr als sechs Euro jeden Falls!

Röhrich: „Den Bagger noch gut einen Meter weiter zurücksetzen.“
Zehn Zentimeter später
Röhrich: „Stopp!“

Ich kriege eine Schaufel in meine gepflegten Studentenhände und darf die Schächte ausgraben. Eckhart baggert vor mir weg und ich bringe den Schacht auf die angedachte Höhe. „Plan machen“, nennt Röhrich das. Danach kommen die KG Rohre in die Gräben und werden zugeschüttet. Röhrich bohrt Löcher, Eckhart baggert und radladert und ich schaufele mich tot.
Wieso denkt man beim Schaufeln immer zuerst an Sand? Ich muss hier Lehm stemmen und wie das Zeug stinkt, ist da auch noch Klärschlamm mit bei. Ich bin der einzige, der richtig schuftet.
Es wurde wirklich heiß! 30 Grad, kein Schatten. Hätte ich mal mehr als 1,5 Liter Wasser mitgebracht. Mein Nacken ist verbrannt. Um 19 Uhr ist Feierabend. Mir tut alles weh, meine Hände schlagen Blasen und wir haben kaum etwas geschafft. Morgen geht es bereits um 7 Uhr 30 los und dann bis 21 Uhr. 13 Stunden. Wer auch immer gesagt hat: die Stunden bringen das Geld, soll die Schnauze halten.

Mittwoch, 6. Juni

Mir kommt es vor, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben die Zahlen fünf : drei null in dieser Reihenfolge auf meinem CD-Wecker lesen.
Ich spüre meine Hände nicht mehr, die Hitze ist unerträglich. Gefühlte 100 Grad. Röhrich arbeitet mittlerweile Oberkörper frei. Jetzt verstehe ich auch, warum er nie trinkt oder isst. Er hat einen riesigen Wassertank anstatt eines Bauches.
Eckhart streckt, bei allem was er macht, egal ob er sich dabei konzentriert oder nicht, die Zunge raus. Sieht das scheiße aus!
Heute fällt meine Mittagspause aus. Ich komme einfach nicht dazu.
Moment mal. Die beiden sind doch Ossis, also auf Montage hier. Die arbeiten Akkord! Ach du heiliger Schiss. Kein Wunder warum das hier so stressig und anstrengend ist. In was bin ich da hineingeraten? Hier soll ein Mensch gebrochen werden.
Ich bekomme eine Visitenkarte von Röhrich in die Hand gedrückt mit den Worten: „Hier, lerne das auswendig. Eben ist schon ein Polizeiauto vorbeigefahren!“ Oh Mann, für sechs Euro die Stunde... Endlich wird meine Kompetenz hinterfragt. Ich gebe zu, dass ich in der Baubranche tätig bin. Zumindest theoretisch. Chef ist froh und überträgt mir sämtliche Verantwortung. Dankeschön.

Eckhart: „Ich weiß gar nicht, kann ich dir ein Bier anbieten?“
Ich: „Ne danke, dann falle ich tot um.“
Eckhart: „Gut, es ist nämlich auch keins mehr da.“

Ich latsche den ganzen Tag durch den Sand, die Sonne hat meine Ellbogen verbrannt und der Rücken macht knirschende Geräusche. Morgen komme ich nicht wieder. Ich gebe auf. Sechs Euro die Stunde! Hierfür! Schwarz! Ohne mich. Mein Entschluss stand gerade fest, da sagt Röhrich mir, dass morgen noch ein zweiter Idiot dazu kommt und mir hilft. Ich müsste ihn aber abholen, weil er kein Auto hat. Endlich ist Feierabend. Morgen werde ich doch wiederkommen. Zum Teil auch aus Mitleid. Ich rede mir ein, zu zweit wird es sicherlich leichter.

Donnerstag, 7. Juni

Ich muss noch früher aufstehen, weil sich mein Weg zur Arbeit jetzt verdreifacht hat. Der neue Sklave ist genau so naiv wie ich es war. Ich lasse ihm seine Illusionen vom entspannten Sand schaufeln. Soll er sich sein eigenes Bild machen. Meine Arbeitsmoral ist gebrochen, der Schalter für meine Energie ist auf „Off“ gestellt. Der einzige der noch kann und sogar noch eine Schippe drauflegt, ist die Sonne. Drückend! An was denkt man, während einer stupiden Scheißarbeit, bei der du von wabernder Luft umgeben bist? Ich habe mir ausgemalt, wie meine verbrannte Haut sich in die erhitzten KG Rohre einbrennt und an die lächelnden Gesichter derer, denen ich noch Geld Schulde. Röhrich ist knallrot. Mr. Crabs. Mein neuer Mitarbeiter hat nach fünf Minuten keinen Bock mehr. Er telefoniert und schreibt SMS. Würde ich auch gerne, traue mich aber nicht. Außerdem: kein Handy. Trotzdem bin ich froh über seine Anwesenheit. Ohne ihn könnte ich nicht laut jammern und mich beschweren wie heiß es ist. Das hilft.

Ich: „können wir mal Mittagspause machen?“
Röhrich: „Habt ihr euch das überhaupt verdient?“
Ich: „Wo kommt den sonst der Hunger her? Meister“
Röhrich: „Ne, jetzt mal ernsthaft!“

Meine Ohren sind verbrannt. Ich werde monatelang nichts mehr aus dem Ofen essen können, zu schwerwiegend ist das Trauma. Feierabend. Nur noch morgen und dann hat mich die Freiheit wieder. Wer sich nicht bewegt, der spürt seine Fesseln auch nicht. Ich darf meine Morgen ablegen! Der letzte Tag ist der Schönste.

Freitag, 8. Juni

Ich mache zwei gravierende Fehler, mal abgesehen davon, dass das hier alles schon ein einziger riesiger Fehler ist. Erstens bringe ich mir süßen Ice-Tea anstatt Wasser mit und kriege nur noch mehr Durst davon, plus Pappmaul. Zweitens verlege ich das letzte Rohr fünf Zentimeter zu hoch. Ich vertusche es geschickt und hoffe, es merkt Niemand. Niemals. Hoffentlich liest Röhrich nie diesen Blog! Noch drei Stunden und ich bin im Auto auf dem Weg ins Wochenende. Tatsächlich komme ich mit meinem Pfusch durch. Ich bin schon etwas stolz auf mich. Meine Professoren würden mich verprügeln. Hoffentlich lesen die nie diesen Blog!
Das meiste Arbeitsmaterial wie zum Beispiel Schaufeln, Nivellierstangen, Bagger, Radlader und den dazu gehörigen Treibstoff stellt der Bauer für den wir das hier machen. Nachdem wir aufgeräumt haben, schüttet Röhrich den Diesel für den Bagger in sein Auto. Ich darf den viel zu kleinen Trichter halten. Einiges von dem Diesel läuft über meine Hände. Kurz überlege ich, ob ich die Hände anzünden sollte um meine Wunden zu schließen. Dann könnte ich zu Rambo Kumpel sagen. Zu Reinhold Messner kann ich jetzt schon Kumpel sagen. Gobi kann kaum schlimmer gewesen sein. Händewaschen ist nämlich nicht. Habe ich schon erwähnt, dass es auf der gesamten Baustelle keinen einzigen Tropfen Wasser gibt? Es gibt keinen einzigen Tropfen Wasser auf dieser verdammten Baustelle!

Ich: „Gehören die Fluchtstangen Dir oder dem Bauern?“
Röhrich: „Dem Bauern, aber pack trotzdem mal ein.“

Feierabend. Mit offenen Händen gehe ich zum Chef. Geld regiert die Welt, brülle ich. 44 Stunden in der glühenden Hitze. 6 x 44, das sind… 264 Euro, ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein, der schon seit längerem mein Leben ist. Kein Verhältnis zu den Folgeschäden dieser Knochenarbeit. Leider gibt es heute noch kein Geld. Erst Dienstag soll es soweit sein.
Ich werde hier doch gerade beschissen! Aber was soll ich machen? Ich habe ja noch seine Karte und die fünf Zentimeter Pfusch in der Hinterhand.

Dienstag, 10. April 2007

Held der Arbeit - get rich or die tryin

SS mag mal für Schutzstaffel gestanden haben, für mich steht es für Sommersemester und wenn nicht bald Geld an den Laden kommt, steht es für Spätschicht auf Lebenszeit.
Ich habe so wenig Geld, dass es eigentlich schon wieder egal ist. Ich kann mir nicht mal bei eBay günstig Lebensmittel wie Bücher und Platten kaufen, weil die Buchungen, die über mein Konto laufen aufgrund des derben Solls nicht in Auftrag gehen können. Die Bank nimmt kein Bargeld an für Überweisungen, die sagen, das läuft nur von Konto zu Konto. Also gar nicht, zumindest bei meiner Bank. Ich kaufe doch tatsächlich die Bücher neu in dem kleinen, sympathischen Bücherladen um die Ecke und Platten auf der Plattenbörse.
Dort kosten A Tribe Called Quest Singles mal eben 40 €, nur weil der Plattendealer ein kleines Schildchen auf dem „US Original“ steht auf die Platte geklebt hat. Wenn man die Dinger runter haben will, reißt man gleich Teile des Covers mit ab. Aber diese Leute nehmen halt mein Bargeld... anderes Thema.

Ich bin bei mehreren Teilzeitfirmen gelistet und keine hat einen Job für mich, dabei bin ich zu allem bereit und habe ein Auto und die Zeit.
Auf einer Party werde ich von einem Kumpel auf einen Produktionshelfer Job in Bremen angesprochen. Das nennt man dann wohl Networking. Die Firma heißt Unisono und hat ihren Sitz an der Schlachte in Bremen. Worum es bei dem Job geht, weiß keiner von uns, aber bei 8 € die Stunde gehe ich gerne das Risiko ein als Schlachter oder so zu enden. Ich schicke meine Daten nach Bremen und warte auf Antwort. Ich soll persönlich vorbeikommen und meine Unterschrift leisten. Zwei Tage malochen in der Frühschicht à acht Stunden. Das macht dann 128 Schleifen, das geht. Hoffentlich bar. Die Mitarbeiter der Firma Unisono sind allesamt adrett gekleidet und machen, zumindest optisch, den Eindruck als wären sie organisiert und nicht für Geschäfte unter der Hand zu haben.

Der Aufwand für die beiden Tage ist meiner Meinung nach etwas zu groß. Ich kann umsonst nach Bremen fahren, aber mein Kumpel und neuerdings Kollege hat nicht das Glück.
Hinfahrt, Rückfahrt und einmal falsch geparkt, da sind die ersten Stunden Arbeit bereits umsonst. Wir haben die Frühschicht, das bedeutet um 4 Uhr aufstehen und um 4 Uhr 45 an der Schlachte sein. Ich habe bei einem anderen Kumpel, der in Bremen ansässig ist und das Geld genauso nötig hat wie ich, eingezeckt. Ich hätte das Frühaufstehen vorher mal üben sollen, todmüde kommen wir bei der Teilzeitfirma an. Wir sind ca. 20 Leute und mit dreien kann ich mich sogar unterhalten. Ein Bus bringt uns nach Osterholz zu einer Firma die Grilleinzelteile aus Vietnam und China importiert, um sie hier zusammenzusetzen. Zusammensetzen zulassen, von uns nämlich. Woher die anderen Arbeiter für diesen Job importiert wurden, kann ich nur raten...

dieses Chaos möchte überblickt werden

insgesamt waren es 7000 Stück

Die Schwenkgrills kommen als Reklamation zurück an den Absender. Es sind die falschen Schrauben, sowie Bastelanleitung beigelegt worden. Wir tauschen die Teile aus und verpacken sie neu. Die Zeit steht bei so einer stupiden Arbeit still. Zum Glück habe ich keine Uhr, sonst hätte ich da jede Minute draufgeschaut.
Der Zweite Tag geht einfacher und schneller über die Zeit, weil es auch gleichzeitig der letzte Tag ist. Ich dachte, ich könnte besser meinen Kopf abschalten, schließlich klappt das in den Klausuren ja auch prima. Um mir die Zeit zu vertreiben rechne ich ständig nach, wie viele Kartons und Paletten wir noch packen müssen, damit der Auftrag rechtzeitig erfüllt wird.
Leider hat mir der TÜV selbst daran den Spaß genommen. Die gesamte Produktion weißt Mängel auf. Die Teleskopstangen des Schwenkgrills passen nicht zueinander. Jetzt schleppt es sich noch mehr hin, die angesetzte Anzahl Paletten zu schaffen. Ich hoffe, derjenige, der diese Produktion versaut hat wird gefeuert, alles andere würde nicht meinem Bild der deutschen Wirtschaft entsprechen: hart und erbarmungslos. Ich muss ja selber irgendwann diese Lektionen lernen. Zu Feierabend kursieren Gerüchte, dass die gesamte Geschichte von ganz oben eingestellt wurde. In jedem Betrieb sitzt ein kleiner Bernd Stromberg.

Die Kohle kommt erst in zwei bis drei Wochen auf das Konto. Auf diesen Weg bekomme ich wahrscheinlich gar nicht mit, dass ich überhaupt Geld verdient habe. Als ich wieder zu Hause bin, liegt ein Brief von der Bank auf dem Küchentisch. Denen ist doch wirklich aufgefallen, dass mein Konto den bereitgestellten Dispokredit bei weitem überschreitet. Sie nehmen ab sofort 18 % Zinsen... ich habe das Gefühl der Aufwand hat sich nicht gelohnt.